Frankreich: „30 bis 40 neue EPR-Reaktoren bis 2050!“

EPR in Olkiluoto, Finnland. Fotomontage. Bild: Teollisuuden Voima Oy / CC BY-SA 3.0
Der Ausstieg aus dem Atomausstieg beflügelt den Chef der EDF. Umweltminister Hulot steht indessen in der Kritik

Von Bernard Schmid | TELEPOLIS

Kaum erhielt die französische Atomindustrie jüngst – de facto – ihre Bestandsgarantie aus der Politik, scheint man in ihren Reihen dem Größenwahn zu verfallen. „30, 35 oder 40 neue Atomreaktoren vom Modell EPR“ will der Chef des französischen Energieversorgungsunternehmen EDF, Jean-Bernard Lévy, bis zum Jahr 2050 errichten lassen. Also mindestens einen neuen Atomreaktor pro Jahr.

Diese vollmundige Forderung des Chefs der EDF (Électricité de France), der Betreiberfirma der kommerziell genutzten Atomanlagen in Frankreich – als Reaktorbauer firmiert das Unternehmen AREVA, das erst kürzlich durch die Lieferung defekter Nuklearbrennstäbe in die Schweiz in ein paar Schlagzeilen geriet – , wurde nur zehn Tage nach der Veröffentlichung eines Forscherberichts laut.

Letzterem zufolge wäre es möglich, in Frankreich bis im Jahr 2050 sowohl auf Nuklearenergie als auch auf klimaschädliche fossile Kraftwerke zu verzichten und das Land ausschließlich aus erneuerbaren Energiequellen (kombiniert mit Energieeinsparungen) zu versorgen.

Der amtierende französische Umweltminister Nicolas Hulot hatte vor seiner Ernennung durch Emmanuel Macron im Mai 2017 als „Umweltaktivist“ gegolten. In Wirklichkeit war Hulot in der Vergangenheit erst als Dokumentarfilmer und danach vor allem als Unternehmer und Geschäftsmann – mit dem Verkauf als umweltverträglich angepriesener Produkte – in Erscheinung getreten.

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Regenwürmer gedeihen auch in Mars-Boden

Dieser junge Regenwurm wurde in nachgebildetem Marsboden geboren © Wamelink/ Universität Wageningen
Überraschend anpassungsfähig: Regenwürmer könnten künftigen Marskolonisten wertvolle Dienste leisten. Denn wie ein Experiment belegt, gedeihen die Würmer auch in modifizierter Marserde. Trotz der ungewohnten chemischen Zusammensetzung gelang es den Regenwürmern sogar, sich in dem nachgebildeten Marsboden zu vermehren. Diese wichtigen Bodenbewohner könnten demnach dabei helfen, Marsgewächshäuser fruchtbar zu machen.

scinexx

Sollen Astronauten künftig längere Zeit auf dem Mars überleben, dann müssen sie die auf unserem Nachbarplaneten vorhandenen Ressourcen nutzen. Zu diesen gehört auch der Marsboden – ein normalerweise eher lebensfeindliches Material. Doch reichert man den Marsboden mit irdischen Bodenbakterien und organischem Dünger an, beispielsweise in Form von gereinigtem Kot und Urin der Astronauten, können irdische Pflanzen auch auf Marsboden wachsen, wie Experimente belegen.

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Konzertveranstalter von Roger Waters kritisiert ARD-Sender

links: Bildnis von Gewalt gegen Juden entstanden 1250 ;rechts: „Von den Juden und ihren Lügen“: mit dieser Schrift begann Martin Luthers Serie judenfeindlicher Schriften von 1543. Bild: zu-Daily.de
Der Konzertveranstalter von Pink-Floyd-Legende Roger Waters verteidigt den Sänger gegen Antisemitismus-Vorwürfe und greift zugleich die ARD mit deutlichen Worten an.

evangelisch.de

Die Aufkündigung der Zusammenarbeit mit dem 74-jährigen Musikstar durch mehrere Sender des öffentlich-rechtlichen Rundfunkverbundes sei „absolut lächerlich“, sagte der Geschäftsführer von Live Nation Deutschland, Marek Lieberberg, dem „Mannheimer Morgen“ (Dienstag). Waters habe zwar eine bedenkliche private Meinung zu Israel. „Aber ich kann und will ihm sein Recht auf Meinungsfreiheit nicht bestreiten“, erklärte der Musikmanager, dessen Eltern Holocaust-Überlebende sind.

„Wenn die Öffentlich-Rechtlichen einen Beitrag leisten möchten, fände ich es beispielhaft, wenn vor allen Beiträgen über Luther oder Wagner-Aufführungen auf die teilweise blutrünstigen antisemitischen Theorien dieser Herrn hingewiesen würde.

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Gesicht zeigen für das Recht auf Abtreibung

Grafik:TP
Befürworter eines straffreien Schwangerschaftsabbruchs melden sich wieder zu Wort. Es sollte aber auch über eine Gesellschaft diskutiert werden, in der Schwangerschaftsabbrüche überflüssig werden

Von Peter Nowak | TELEPOLIS

„Wir machen Schwangerschaftsabbrüche“, lautete in der letzten Woche die Schlagzeile auf der Titelseite der linksliberalen Taz. Daneben standen die Fotos von 27 Ärztinnen und Ärzten, die sich mit ihrer Kollegin Kristina Hänel solidarisierten, die in der letzten Woche zu einer Geldstrafe verurteilt wurde.

Ein Abtreibungsgegner hatte die Ärztin angezeigt, weil sie auf ihrer Homepage unter medizinischen Angeboten auch den Schwangerschaftsabbruch aufführte. Damit verstoße sie gegen den Paragraphen 219 a des Strafgesetzbuches, der die Werbung für Abtreibung unter Strafe stellt. Dort heißt es:

(1) Wer öffentlich, in einer Versammlung oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) seines Vermögensvorteils wegen oder in grob anstößiger Weise

1. eigene oder fremde Dienste zur Vornahme oder Förderung eines Schwangerschaftsabbruchs oder

2. Mittel, Gegenstände oder Verfahren, die zum Abbruch der Schwangerschaft geeignet sind, unter Hinweis auf diese Eignung

anbietet, ankündigt, anpreist oder Erklärungen solchen Inhalts bekanntgibt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

§ 219a, STGB

Lange Zeit war dieser Paragraph 219 a nur wenigen bekannt. Das hat sich in den letzten Wochen geändert. Es ist nicht das erste Mal, dass die sich Lebensschützer nennenden Abtreibungsgegner diesen Paragraph zur Grundlage von Anzeigen gegen Ärtzinnen und Ärzten nutzen. Es gab auch Verurteilungen.

Doch bisher gingen die Betroffenen nicht an die Öffentlichkeit. Kristina Hänel aber will nicht nur gegen ihre Verurteilung durch alle Instanzen bis auf die europäische Justizebene gehen. Sie will auch mit ihren öffentlichen Protest eine Diskussion über die Abschaffung des Paragraphen 219 a anstoßen.

Sie scheint Erfolg zu haben. In vielen Medien werden Argumente für eine Abschaffung dieses Paragraphen gesammelt. Da gibt es historische Argumente. Der Paragraph wurde am 26. Juni 1933 eingeführt und war Teil der NS-Bevölkerungspolitik.

Doch es gibt auch viele aktuelle Gründe, für die Abschaffung des Paragrafen einzutreten. Er erschwert Frauen in Notlage Informationen über die Möglichkeit eines Schwangerschaftsabbruchs. Eine Petition gegen die Kriminalisierung der Information über Schwangerschaftsabbrüche findet viel Zustimmung. Höhepunkt ist öffentliche Selbstbezichtigung von Medizinerinnen und Medizinern, dass sie Abtreibungen anbieten.

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Hinter Gittern mit Extremisten: Ein Imam erzählt

Gefängnis (Public Domain)

Der Imam Ramazan Demir arbeitet im Gefängnis daran, radikalisierte Muslime von ihrem Gedankengut abzubringen. Terroristen wollen ihn deshalb tot sehen. In dem Buch „Unter Extremisten“ erzählt er von dem schwierigen Alltag eines islamischen Gefängnisseelsorgers.

religion.ORF.at

„Gesetzt den Fall, ich stehe auf einer Todesliste … wenn nun also jemand kommt, um mich zu töten … würdest du mich etwa nicht beschützen?“, fragt Demir einen Häftling, den er in dem Buch anonymisiert den Namen Amr gibt. „Warum sollte ich, wenn er doch recht hat“, antwortet dieser. Amr ist ein Extremist, ein 22-jähriger Tschetschene, „radikal bis in die Spitzen der letzten Haarwurzel“ und einer dieser Insassen in der Justizanstalt Josefstadt, bei denen selbst Demir wenig Hoffnung auf Besserung hat.

„Brutstätten des Bösen“

Seit sieben Jahren ist Demir Seelsorger im größten Gefängnis Österreichs. 2016 übernahm er die Leitung der islamischen Gefängnisseelsorge bundesweit. Auf den Schultern des 31-Jährigen lastet viel Verantwortung. 33 islamische Gefängnisseelsorger gibt es insgesamt. Der Bedarf ist viel größer. Allein in der Josefstadt waren Ende Oktober 350 der 1.100 Inhaftierten Muslime.

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Separatismus: Auch jetzt würden noch fast 80 Prozent der Krim-Bürger für die Sezession stimmen

Unterzeichnung des Abkommens über den Beitrit der Krim zur Russischen Föderation durch den Vorsitzenden des Staatsrats der Krim Vladimir Konstantinov, den Ministerpräsidenten der Krim Sergei Aksyonov, den russischen Präsidenten Wladimir Putin und dem Vertreter des Stadtrats von Sewastopol Alexei Chaly. Bild: Kreml
Eine Umfrage eines vom Deutschen Bundestag eingerichteten Zentrums zerstört Mythen über die russische Annexion der Krim

Von Florian Rötzer | TELEPOLIS

Das unabhängige Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOIS), dessen Gründung vom Deutschen Bundestag 2015 nach Beginn des Ukraine-Konflikts beschlossen und das im Oktober 2016 in Berlin seine Arbeit aufgenommen hat, soll „aktuelle politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungen“ ist Osteuropa untersuchen. Jetzt ist ein Bericht von Prof. Dr. Gwendolyn Sasse, der Leiterin des Zentrums, erschienen, der angesichts des Konflikts zwischen Russland und der Nato ein heißes Thema anpackt, denn mit der Abspaltung der Krim und der Aufnahme in die Russische Föderation hatte Moskau und die Krimbevölkerung des Westen überrascht, der schnell mit Sanktionen reagierte.

Mit einer Umfrage wurde nun versucht, die Stimmung der Menschen auf der Krim zu eruieren. Befragt wurden im Frühjahr 1800 Bewohner der Krim, zudem wurden 200 Tataren befragt, die in der Regel Muslime sind. Die große Mehrheit der Krim-Bürger sind orthodox und gehören mit 62 Prozent mehrheitlich dem Patriarchat von Moskau und der ganzen Rus an. 4,6 Prozent sind bei der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche, 14 Prozent gehören anderen orthodoxen Gemeinschaften an, 16 Prozent sind muslimisch.

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Gottes Mühlen mahlen langsam

Die Geschichte des Erzbistums Vaduz ist eng mit der Person des umstrittenen Bischofs Wolfgang Haas verbunden. (Bild: Ennio Leanza / Keystone)
Vor zwanzig Jahren wurde Liechtenstein zum Erzbistum Vaduz ernannt. Der umstrittene Bischof von Chur, Wolfgang Haas, wurde Erzbischof. Seine Ernennung leitete im Fürstentum die Trennung von Staat und Kirche ein. Aber noch heute feilschen das Erzbistum und der Staat um den kirchlichen Besitz.

Von Günther Meier | Neue Zürcher Zeitung

Die katholische Kirche hat in Liechtenstein den Status der Landeskirche und «geniesst» gemäss Verfassung «den vollen Schutz des Staates». Als Rom ohne vorherige Konsultationen der Behörden Liechtenstein vom Bistum Chur abspaltete und das Fürstentum gegen deren Willen zum eigenständigen Erzbistum erhob, erschallte aus politischen und kirchlichen Kreisen der Ruf nach Trennung von Kirche und Staat. Denn der eingesetzte Erzbischof, Wolfgang Haas, war im Bistum Chur, wo er zuvor gewirkt hatte, höchst umstritten.

Dass die Trennung allerdings nicht so einfach zu bewerkstelligen war, wurde der Regierung und dem Parlament schon bald nach einem ersten Protest gegen das Vorgehen des Heiligen Stuhls klar. Aber dass die anschliessend gewählte, etwas mildere Form der wirtschaftlichen Entflechtung nach zwanzig Jahren Verhandlungen immer noch nicht zu Ende wäre, hätte damals niemand vorauszusagen gewagt. Fast ein Jahrzehnt hatte es gedauert, bis die Regierung dem Parlament ein Paket für die Neuregelung des Verhältnisses von Staat und Kirche vorlegen konnte. Umgesetzt ist es bis heute nicht.

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Minister Schmidt bekräftigt: Bei Glyphosat alleine entschieden

Bundesagrarminister Christian Schmidt hat bekräftigt, bei seinem Ja zu einer weiteren Zulassung des Unkrautgifts Glyphosat in der EU auf eigene Faust gehandelt zu haben.

Frankfurter Rundschau

„Ich habe eine Entscheidung für mich getroffen und in meiner Ressortverantwortung“, sagte der CSU-Politiker im ARD-„Morgenmagazin“. Er antwortete damit auf die Frage, ob er vor seinem Ja Bundeskanzlerin Angela Merkel informiert habe. „Das sind Dinge, die man auf die Kappe nehmen muss. Dazu ist man da“, sagte Schmidt zu seiner Verteidigung.

Evangelische Landeskirche Württemberg: Hunderte Pfarrer verweigern Homo-Segnung

Die Evangelische Landeskirche in Württemberg möchte in geheimer Abstimmung entscheiden, ob sie homosexuelle Lebensgemeinschaften segnen oder trauen wird.

kath.net

In der Evangelischen Landeskirche in Württemberg haben sich bisher 324 Pfarrer, Vikare und Theologiestudenten verpflichtet, homosexuelle Partnerschaften weder zu segnen noch zu trauen. Dies berichtet die Evangelische Nachrichtenagentur „idea“. Darunter sind auch Dekane und ehemalige Mitglieder der Kirchenleitung. Die Theologen unterzeichneten eine Stellungnahme, die an Landesbischof Frank Otfried July (Stuttgart), das Kollegium des Oberkirchenrates und die Landessynode gesandt wurde.

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Fliegen als Krankheitsüberträger

Fliegen sind nicht nur lästig – sie können mitunter sogar ein Gesundheitsrisiko darstellen. © Ana Junqueira/ Stephan Schuster
Summende Bakterienschleudern: Viele Menschen finden Fliegen nicht nur lästig, sondern halten sie auch für unhygienisch. Zu Recht, wie eine Studie nun zeigt: Stuben- und Schmeißfliegen tragen mitunter hunderte verschiedene Bakterienarten mit sich herum und verbreiten sie überall in ihrer Umgebung. Dabei können viele der von den Plagegeistern transportierten Erreger auch für den Menschen gefährlich werden – zum Beispiel der Magenkeim Helicobacter pylori. Fliegen seien als Krankheitsüberträger bisher eindeutig unterschätzt worden, so das Fazit der Forscher.

scinexx

Stubenfliegen können ganz schön lästig sein. Wenn sie sich auf unserem Gesicht oder der frisch gebackenen Torte niederlassen, hilft selbst das hektischste Herumwedeln mit den Armen oft nicht: Die Plagegeister kommen immer wieder. Der Fliegenklatsche weichen die wendigen Tiere geschickt aus und zu allem Überfluss summen sie dabei auch noch ununterbrochen – ein Geräusch, das schon so manch einem den Schlaf oder den letzten Nerv geraubt hat.

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Diesel-Fahrverbote: Umweltschützer beantragen Erzwingungshaft

Bild: motointermedia/CCO
Die bayerische Landesregierung wähnt sich offenbar über dem Gesetz stehend und will Gerichtsurteile nicht umsetzen

Von Wolfgang Pomrehn | TELEPOLIS

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) will, dass gegen die bayerische Staatsregierung wegen Missachtung von Gerichtsurteilen vorgegangen wird. Diese hatten mehrfach die Einleitung von Fahrverboten in der Landeshauptstadt München verlangt. Bereits letzte Woche habe man, wie gestern mitgeteilt wurde, vor dem Münchener Verwaltungsgericht einen Antrag auf Verhängung eines Zwangsgeldes oder einer Erzwingungshaft gestellt.

Die Landesregierung hatte vom Bayerischen Verwaltungsgerichtshof am 27.02.2017 ins Stammbuch geschrieben bekommen, dass ein bereits aus dem Jahre 2012 stammendes Urteil vollstreckbar ist. Das Gericht hatte der Regierung Fristen für die Vorbereitung von Diesel-Fahrverboten gesetzt. Wie die Münchener Abendzeitung berichtet hat man diese aber verstreichen lassen. Ein dazu erforderliches Gutachten sei erst Wochen nach Verstreichen der Frist abgeliefert worden, die für die Maßnahme notwendige Bürgerbeteiligung wurde noch immer nicht eingeleitet. Die Öffentlichkeitsbeteiligung hätte bereits Ende August bekannt gemacht werden müssen, so die DUH.

Der Rechtsstreit um die Stickoxidbelastung in der Isar-Metropole zieht sich bereits seit Jahren hin. Nach Angaben der DUH ist das Urteil, das von der Landesregierung eine Fortschreibung des Luftreinhalteplans fordert, bereits seit 2014 rechtskräftig. Im Juni 2016 sei die Landesregierung vom Verwaltungsgericht München unter Androhung eines Zwangsgeldes aufgefordert worden, das Urteil umzusetzen.

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Der Feudalismus lebt – in den Parteien

FILE PHOTO: Bavarian Prime Minister and head of the Christian Social Union (CSU) Horst Seehofer listens to Bavarian Finance…Foto: REUTERS
Der Machtkampf in der CSU zeigt: Es gibt ihn noch, den Feudalismus. Mit ihren vormodernen Strukturen ist die CSU aber nicht allein. Ein Kommentar.

Von Anna Sauerbrey | DER TAGESSPIEGEL

Am Ende verlegte sich der alte Fürst auf eine Finte. „Heute Abend wird alles klar sein“, verkündete Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer am vergangenen Donnerstag vor der Vorstandssitzung der CSU, setzte sich rein, sprach über die Parteifinanzen und reiste grinsend wieder ab, ohne die Frage seiner politischen Zukunft tatsächlich zu stellen. Der junge Thronanwärter, Markus Söder, war düpiert.

Wie keine andere Partei in Deutschland ist die CSU weiterhin durchdrungen von feudalen Strukturen. Bestimmt wird der Aufstieg an die Macht von einem hierarchischen System von Treueschwüren, bei dem letztlich alle Macht vom Fürsten ausgeht. Er verleiht sie an seine Vasallen, die ihn im Gegenzug stützen. Wankt der Fürst – wie nun Seehofer nach dem schlechten Abschneiden bei der Bundestagswahl –, wechseln manche seiner Vasallen den Herrn und bringen das Machtgefüge ins Wanken. In der CSU versagte Anfang November das Jungvolk dem alten Fürsten die Gefolgschaft. Es folgte ein vernehmbares Aufbegehren des Münchner Bezirksverbands, schon lange in der Hand der Söder-Anhänger, die nun, da der alte Fürst einen Hieb einstecken musste, den Zeitpunkt für den Schritt ins Offene gekommen sahen. Person, Land und Macht bilden in Bayern eine politische Einheit. Es scheint sich seit Strauß wenig verändert zu haben, der gern mit dem Satz zitiert wird: „Ich bin die CSU, die CSU ist der Staat, also bin ich der Staat.“

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BKA: 133.000 Erwachsene wurden 2016 Opfer häuslicher Gewalt

Gewalt gegen Frauen © NTLam auf flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG
Mehr als 133.000 Erwachsene wurden im Jahr 2016 Opfer von häuslicher Gewalt, 96.000 davon waren Deutsche. Unter den Ausländern führen Türken und Polen die Statistik an.

MiGAZIN

In Deutschland sind im vergangenen Jahr über 133.000 Erwachsene Opfer von häuslicher Gewalt geworden. Knapp 82 Prozent der Opfer waren Frauen, wie aus der am Freitag in Berlin veröffentlichten Kriminalstatistik des Bundeskriminalamtes hervorgeht. Die Zahl der Opfer von Gewalt in Partnerschaften steigt den Angaben zufolge seit fünf Jahren an. Gegenüber 2015 wurde ein Anstieg um etwas vier Prozent verzeichnet.

Das Bundeskriminalamt berücksichtigt in der Statistik begangene und versuchte Delikte, darunter Mord, Totschlag, Körperverletzungen, Vergewaltigung, sexuelle Nötigung, Bedrohung und Stalking von Partnern oder Ex-Partnern.

Den Angaben zufolge lebten 2016 mehr als 51 Prozent der Frauen mit dem Tatverdächtigen in einem gemeinsamen Haushalt. Bei knapp 70.000 Frauen ging es um vorsätzliche leichte Körperverletzung. Über 16.700 Frauen wurden von ihrem Partner bedroht, rund 11.900 gefährlich verletzt. Über 7.600 Frauen wurden von ihrem Partner oder Ex-Partner gestalkt. 357 Frauen wurden ermordet oder totgeschlagen.

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Über das „Othering“ von Tieren

Ein sattsam bekannter Mechanismus: Über das Schmerzempfinden von Nutztieren geht der Mensch oft hinweg. (imago stock&people)
Tiere haben Gefühle! Was Bauern wie Hundehaltern seit jeher klar ist, will das britische Unterhaus nicht anerkennen. Das heißt aber nicht, dass die Abgeordneten wirklich daran zweifeln: Sie entschieden aus politisch-strategischem Kalkül.

Von Catherine Newmark | Deutschlandfunk Kultur

Zunächst mal: Anders als viele britische Medien entrüstet berichten, hat die konservative Mehrheit der Abgeordneten im britischen Unterhaus nicht dekretiert, dass Tiere keine Gefühle oder kein Schmerzempfinden hätten. Sie hat lediglich – schlimm genug – sich dagegen entschieden, diese kaum bestreitbare Tatsache in Gesetzesform zu gießen. Schlimm ist das, weil es reale und praktische Konsequenzen für den Tierschutz und insbesondere die Haltung von Nutztieren haben kann.

Denn ein Erkenntnisproblem besteht hier nicht. Dass Tiere Schmerz empfinden können, ist dem Menschen nicht nur in seinem Alltag mit Nutz- und Haustieren seit jeher evident, sondern wird auch in der Geschichte des Denkens von kaum jemandem bestritten. Zwar dominiert über Jahrhunderte die religiöse Vorstellung von der Sonderstellung des Menschen, die ihn zur instrumentellen Nutzung von Tieren berechtigt. Ganz wie es schon im ersten Buch der Bibel heißt:

„Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht.“

Und ja, René Descartes ließ sich im 17. Jahrhundert zu der These verleiten, dass Tiere nichts anderes als Maschinen seien, was aber auch damals schon kaum jemandem plausibel erschien.

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Erinnerungen an einen bestialischen Krieg

Ostfront 1941: Ein deutscher Militärfotograf spürt russische Zivilisten auf, die in einem Erdloch Schutz vor den Kämpfen zwischen Wehrmacht und Roter Armee gesucht haben. (Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)
Der Deutsche erzählt weinend vom Soldatenleben – und die Russin davon, wie Hungernde Katzen und Ratten gegessen haben. Besuch bei zwei der letzten Zeitzeugen von Hitlers Vernichtungskrieg im Osten.

Von Veronika Wulf | Süddeutsche Zeitung

Das Mädchen lag im Bett und fror. Die Wände waren mit Reif bedeckt, der Boden mit einer Eisschicht überzogen, in den Fenstern fehlten die Scheiben. Eine Bombe hatte ein Loch in die Decke gerissen und ließ die Kälte herein. Die Fünfjährige war allein. Ihre Mutter war arbeiten, der Vater im Krieg, die anderen Hausbewohner gestorben.

Die Mutter hatte alle Decken über die Tochter geworfen, Laken, Lumpen, alles was sie finden konnte, bevor sie zu ihrer Nachtschicht in die Kartonagenfabrik gegangen war. Das Radio lief ständig. Meist schlief das Mädchen zu russischen Opernarien ein. Wenn der Bombenalarm die Gesänge übertönte, blieb sie liegen. Zu anstrengend war der Weg fünf Stockwerke hinab in den Keller.

So erzählt es die Russin Diana Medvedeva heute, fast 75 Jahre später. Sie ist eine der Zeitzeugen, die noch vom Kriegswinter 1941/42 in Leningrad berichten können. Keine zweieinhalb Monate, nachdem die Wehrmacht in Russland einmarschiert war und Hitlers Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion begonnen hatte, umzingelten die Deutschen am 8. September 1941 Leningrad, das heutige St. Petersburg.

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Kirchenrechtler Heinig fordert Islamkonferenzen der Länder

Es gehe um Gesten der Anerkennung und des Wohlwollens sowie um konkrete Zusammenarbeit

EKD

Der Kirchenrechtler Hans Michael Heinig plädiert für die Einrichtung von Islamkonferenzen auf Länderebene. Mit solchen auf Austausch und Kooperation angelegten Instrumenten könne der Staat am ehesten das berechtigte Interesse der Muslime in Deutschland nach einer Gleichstellung mit Christen und Juden unterstützen, sagte Heinig dem Evangelischen Pressedienst (epd) mit Blick auf Diskussionen um staatliche Verträge mit muslimischen Verbänden. Im Gespräch könnten Strategien zur Umsetzung entwickelt werden.

Das Anliegen verschiedener Islamverbände wie Schura oder Ditib, unverzüglich Staatsverträge mit den Ländern zu schließen und hierdurch als Religionsgemeinschaft anerkannt zu werden, betrachte er mit Skepsis, betonte der Direktor des Instituts für Öffentliches Recht der Uni Göttingen. „Ich fürchte, wir werden dazu nicht so schnell kommen.“ Die Verbände seien nach wie vor nicht so aufgestellt, dass ihre Organisationsstruktur den von der Rechtsprechung geforderten Bedingungen entspreche.

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Muslime als Lückenbüßer an der Ostfront

Zehntausende Muslime kämpften während des Zweiten Weltkrieges für die Nationalsozialisten. Der Historiker David Motadel hat die Haltung des Hitler-Regimes zu Muslimen analysiert.

Interview Nastassja Shtrauchler | Qantara.de

Herr Motadel, Sie sprechen in Ihrem Buch „Für Prophet und Führer“ von der Islam-Politik des NS-Regimes. Wie genau sah diese Politik aus?

David Motadel: Auf dem Höhepunkt des Zweiten Weltkrieges 1941/42, als deutsche Truppen in muslimisch bevölkerte Gebiete auf dem Balkan, in Nordafrika, auf der Krim und im Kaukasus einmarschierten, begann man in Berlin, den Islam als politisch bedeutsam wahrzunehmen. Das NS-Regime begann dann Schritt für Schritt, Muslime als Verbündete zu umwerben und sie im Kampf gegen angeblich gemeinsame Feinde aufzustacheln. Das waren zum Beispiel das britische Empire, die Sowjetunion, Amerika und die Juden.

In den muslimisch besiedelten Frontgebieten organisierten die Deutschen weit reichende Religionspropaganda, um das Dritte Reich als Schutzherren des Islam zu präsentieren. Auch verteilte die Wehrmacht schon Anfang 1941, kurz vor dem Einmarsch in Nordafrika, unter den Soldaten die Tornisterschrift „Der Islam“, um die deutschen Soldaten im Umgang mit den dortigen Muslimen zu instruieren.

An der Ostfront, auf der Krim und im Kaukasus, wo Stalin vor dem Krieg den Islam brutal unterdrückt hatte, bauten die deutschen Besatzer derweil Moscheen und Koranschulen wieder auf, in der Hoffnung, dadurch die Sowjetherrschaft zu unterminieren. Deutsche Propagandisten politisierten religiöse Texte wie den Koran oder das Konzept des Dschihad, des sogenannten Heiligen Krieges, um Muslime zur religiösen Gewalt gegen die Alliierten anzustacheln.

Ein anderer Aspekt war die Rekrutierung Zehntausender muslimischer Freiwilliger durch Wehrmacht und SS ab 1941. Das waren vor allem Bosnier, Albaner, Krimtataren und Muslime aus dem Kaukasus und Zentralasien.

Welche Ziele verfolgte das NS-Regime mit seiner Umwerbung der Muslime?

Motadel: Die Gründe für diese Politik waren vielfältig: Zum einen waren die deutschen Truppen in vielen Gebieten, in denen sie kämpften, mit einer islamischen Bevölkerung konfrontiert. Gleichzeitig verschlechterte sich Ende 1941 die militärische Lage. Man erhoffte sich, die Verluste der deutschen Soldaten an der Ostfront auszugleichen. Muslimische Soldaten wurden dann an allen Fronten eingesetzt. Sie kämpften in Stalingrad und Warschau und sogar noch bei der Verteidigung Berlins.

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17-jährige Dänin plante Bombenanschläge auf Schulen

Die zum Islam konvertierte 17-Jährige stand mit dem IS in Kontakt. Rechtsmediziner halten sie für so gefährlich, dass sie in Sicherheitsverwahrung genommen wird.

Die Presse.com

Wegen geplanter Bombenangriffe auf zwei Schulen muss eine 17-Jährige in Dänemark für acht Jahre ins Gefängnis. Sie habe sich des versuchten Terrorismus schuldig gemacht, erklärte das Gericht am Montag. Es folgte dennoch nicht einer Empfehlung von Rechtsmedizinern, die das Mädchen für so gefährlich hielten, dass sie sicherheitsverwahrt und damit auf unbestimmte Zeit eingesperrt werden sollte.

Die zum Islam konvertierte Dänin hat nach Ansicht der Richter mit 15 Jahren von ihrem Zimmer im dänischen Kundby aus Kontakt zur Terrormiliz Islamischer Staat (IS) aufgenommen. Innerhalb kürzester Zeit wurde sie demnach radikalisiert.

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Das Studium der Gottlosen

Atheistische und religionskritische Teilnehmer der „Reason Rally“ („Kundgebung der Vernunft“) in der US-amerikanischen Hauptstadt Washington DC. (AFP PHOTO/ Brendan Smialowski)
Die USA werden immer säkularer: Knapp ein Viertel der US-Amerikaner fühlt sich keiner Religion mehr zugehörig, unter den Jüngeren sind es sogar 35 Prozent. Universitäten antworten jetzt auf diesen Trend: mit Lehrstühlen für Atheismus und Studiengängen zu Säkularismus und Humanismus.

Von Katja Ridderbusch | Deutschlandfunk

Phil Zuckerman will nicht über die Existenz oder Nicht-Existenz von Gott diskutieren. Als Soziologe beschäftigt er sich vielmehr damit, wie Religionen das Leben von Menschen beeinflussen.

Dabei sei ihm klar geworden, dass es eigentlich keine Forschung über nicht-religiöse Menschen gibt, über Atheisten, Agnostiker oder säkulare Humanisten. Keine akademische Disziplin, die sich der Gedankenwelt eines wachsenden Teils der Menschheit widme.

Das wollte Zuckerman ändern. Der Wissenschaftler, der sich als „kulturell jüdisch, aber ansonsten agnostisch“ bezeichnet, lehrt am Pitzer-College in Kalifornien, einer Universität mit etwa 1000 Studenten. Auf Zuckermans Initiative hin führte die Privat-Uni vor sechs Jahren den Studiengang „Secular Studies“ ein – der erste in den USA und einer der wenigen weltweit. Die Universität von Miami in Florida zog nach, rief vor kurzem einen Lehrstuhl für Atheismus ins Leben.

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The Obscure 4chan Religion That Promises a Cyberpunk Afterlife

Image: systemspace.network
Anime cult or 4chan prank? Unravelling the mystery of systemspace.

By Addison Nugent | MOTHERBOARD

In January 2017 a mysterious 4channer named Tsuki started a cult that promised to take members to a cyberpunk paradise. The only catch was they had to die to get there. As with all instances of internet creepypasta, it’s hard to tell if Tsuki is really an “anime suicide cult,” a 4chan prank, or just a harmless game of make believe.

In the past decade 4chan has served as a digital tide pool for subcultures, forming them in the safety of internet anonymity before they appear, fully-mobilized, in meatspace. From Anonymous to the alt-right, the power these groups exert over the political landscape has been felt the world over.

But in the past year, a new 4chan community has emerged that less resembles a social movement than it does Heaven’s Gate, the UFO cult whose mass suicide made headlines around the world in 1997. Systemspace, an internet religion led by Tsuki, promises some 4,969 followers, or “migrants,” that they’ll be transported to a cyberpunk elysium after death.

Called “an anime suicide cult” and an attempt by 4chan to “troll people into suicide” on Reddit, Systemspace has been the subject of many YouTube conspiracies. According to Systemspace’s scripture, an online document called “The Compendium,” it’s an online group that believes the Universe is comprised of countless “systems” or alternate dimensions coded into existence in much the same way a programmer creates a virtual-reality simulation. Humanity, The Compendium explains, lives in a system called “Life” that is in the process of breaking down because of faulty code. Tsuki, the messianic leader of the Systemspace movement, claimed to have the ability to transfer registrants’ souls to a superior, cyberpunk dimension called “LFE” if they signed up to the Tuski Project website before July 1, 2017.

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