Der Islam braucht keinen Voltaire


Vernunft muss sich selber kritisch reflektieren. Wer den Islam als voraufklärerisch kritisiert, darf seinen Standpunkt nicht absolut setzen – und damit in eine fundamentalistische Position verfallen. (Bild: Jürg Müller / Visum)
Nicht nur die westliche Welt kennt eine aufklärerische Tradition. Ein Beitrag zur Differenzierung.

Von Ulrich Rudolph | Neue Zürcher Zeitung

In der NZZ findet derzeit eine Debatte über das Erbe der Aufklärung statt. Dabei werden Universalismus, (Multi-)Kulturalismus, das richtige Verständnis von Immanuel Kant und anderes mehr verhandelt – aber zur Debatte steht eigentlich der Islam. Das deutete sich schon in den ersten Diskussionsbeiträgen an und trat vollends zutage, als Bassam Tibi in der NZZ vom 22. 11. die bekannte Formel bemühte, die Muslime müssten endlich eine Phase der Aufklärung durchlaufen, weil sie nur so ihre Probleme, die gewissermassen einem Zustand vor der Aufklärung geschuldet seien, überwinden könnten.

Diese Forderung ist plakativ. So vorgetragen und begründet, geht sie von einem historischen Verständnis aus, das allein aus der europäischen Geschichte beziehungsweise aus einer schematischen Konstruktion derselben abgeleitet ist. Gleichwohl wird man die Forderung als solche nicht einfach zurückweisen können, denn der Anspruch, der sich aus dem Begriff der Aufklärung ergibt, ist ein kategorischer. Er besteht grundsätzlich, unabhängig von historischen Konstruktionen und möglichen kulturellen Differenzen. Hinzu kommt, dass viele Muslime von heute genau dieses Anliegen teilen, weil sie damit eine Absage an verbreitete, ideologisch gesteuerte Fundamentalismen und die Hoffnung auf einen vernunftorientierten Diskurs verbinden.

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