Gottlos im Osten


Als ich geboren wurde, war die DDR gerade gestorben. Trotzdem tat ich alles dafür, nicht als Ostdeutscher zu gelten. Nur auf meinen Atheismus bin ich stolz. Warum?

Von Marcel Laskus | ZEIT Campus

Immer wenn die Sommerferien vorbei waren, dachte ich, dass es Gott vielleicht doch geben muss. Unsere Ethik-Lehrerin kam in die Klasse, um uns zu fragen: Wer von euch geht in den Religionsunterricht? Zögerlich hoben sich drei, vier Hände. Wir anderen drehten uns zu ihnen: Das sind sie also, die Freunde, die zweimal in der Woche aus unserer Klasse verschwinden, um über ihre Bibel, Gebote und Gott zu reden. Der Grund: Ich bin im Osten aufgewachsen.

Gäbe es die DDR noch heute, sie wäre wohl eines der gottlosesten Länder der Welt. In Ostdeutschland glaubt nur einer von zehn Menschen an einen persönlichen Gott. Und die DDR ist schuld daran. Bevor die Mauer 1961 gebaut wurde, sagten noch 90 Prozent der Menschen in Ostdeutschland, sie seien gläubig.

Ich bin 1989 geboren, also eigentlich ein Kind des vereinten Deutschlands. Aber in den Dom, der das Wahrzeichen meiner Heimatstadt Erfurt ist, gehe ich nur, wenn Leute, die mich besuchen, ihn unbedingt sehen wollen. Meist betrachte ich dann still ihre staunenden Gesichter, stecke meine Hände in die Hosentaschen und friere ein bisschen.

Ich bin Atheist. Lange Zeit war mir das egal, aber inzwischen habe ich gemerkt, dass mein Atheismus mehr ist als einfach nur eine Einstellung. Er ist der Teil meiner ostdeutschen Identität, auf den ich stolz sein kann.

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