Hassprediger mit Heiligenschein


Zeuge der Verwüstung der alten klassischen Welt: Triumphbogen in Palmyra (Syrien) um 1880. Foto: Spencer Arnold (Hulton Archive, Getty Images)
Sie kamen durch die Wüste, bärtige Männer in kleinen Banden, für die es nur einen Gott geben durfte. Vor Palmyra sammelten sie sich. Sie stürmten die alte Oasenstadt, schändeten die Tempel und rissen Säulen nieder, die ein halbes Jahrtausend lang hier gestanden hatten. Sie zertrümmerten jede Statue, derer sie habhaft werden konnten. Sie verbrannten jedes Buch, das nicht ihren Gott pries.

Von Ralph Pöhner | Basler Zeitung/Blogs

Der «Islamische Staat» in Syrien 2017? Nein. So geschah es im Römischen Reich anno 385. Christliche Mönche hatten die Macht im Osten des Imperiums übernommen. Mit der Schandtat von Palmyra beginnt die englische Publizistin Catherine Nixey ihr neues Buch über «das dunkle Zeitalter», «The Darkening Age». Es dreht sich um die Zerstörung der klassischen Welt durch das Christentum.

Wer hielt wem die andere Wange hin?

In unserem Gedächtnis erscheinen die ersten Christen ja als verträumte Aussenseiter, die von den Römern furchtbar verfolgt werden, still in Katakomben hausen und ihren Peinigern noch die andere Wange hinhalten. Wenn jemand die Hochkulturen der Antike bedroht und am Ende niederreisst, dann sind es sehr heidnische Barbaren aus Germanien. Die ernsthafte Forschung hat dazu schon allerlei Details richtiggestellt. Catherine Nixey malt nun aber ein Gesamtbild, das die Sonntagsschulgeschichte vollends umschreiben will, vor allem in zwei Punkten.

Erstens: Der Märtyrermythos der frühen Christen ist ein ziemlicher Fake. Gewiss, es gab Christenverfolgungen im Römischen Reich, aber sie waren kurz, halbherzig und schlampig organisiert. In gerade mal 12 oder 13 von über 300 Jahren liefen offizielle staatliche Unterdrückungsaktionen.

Bluttriefende Bildnisse

Und gewiss, es gab auch damals junge Männer, die es sinnvoll fanden, für ihren einzigen Gott theatralisch den Tod zu suchen. Aber nur wenige konkrete Fälle lassen sich nachweisen. Schon im 18. Jahrhundert vermutete der berühmte Historiker Edward Gibbon, dass weniger als zweitausend Christen überhaupt wegen ihres Glaubens hingerichtet wurden – und das in mehreren Jahrhunderten.

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