«Wer sich das Leben nimmt, ergreift es»


Der Tod wird pathologisiert, dabei kann der Gedanke daran Trost spenden. La Santa Muerte – der Heilige Tod – wird in Mexiko angebetet. (Bild: José Luis Gonzalez / Reuters)
Mehr als 800 000 Menschen bringen sich pro Jahr weltweit um. Das sind mehr, als in Kriegen getötet werden. Der Philosoph Thomas Macho erklärt, was daran positiv sein soll.

Von Urs Hafner | Neue Zürcher Zeitung

Herr Macho, Sie schreiben in Ihrem neuen Buch «Das Leben nehmen», wir lebten in einer «suizidfaszinierten Welt». Ist unsere Gesellschaft nicht viel eher von ewiger Jugend fasziniert?

Beides gehört zusammen. Nehmen wir den Vampir Adam in Jim Jarmuschs Film «Only Lovers Left Alive»: Er leidet an der Unsterblichkeit und denkt sich daher einen raffinierten Suizid aus. Stephen King sympathisiert in seinen letzten Romanen mit der Idee, lieber einen rechtzeitigen und würdigen Tod zu sterben, als das Leben ewig zu verlängern. Die unheimlichen Pläne des Silicon Valley, dem Menschen das ewige Leben zu verkaufen, werfen ihre Schatten voraus.

Die Filme und Romane drücken also eine verbreitete, aber unbewusste Faszination für den Suizid aus?

Eine vorbewusste Faszination. Wir haben noch keine passenden Formen gefunden, um darüber zu reden. Der Jugendkult ist offensichtlich: Wir sprechen über unsere Fitness-Anstrengungen, über gesunde Ernährung und den Schönheitschirurgen, aber nicht über den mit dem Älterwerden wachsenden Wunsch nach dem Ende des Lebens. Die Kunst und die Philosophie dagegen tun das seit langem.

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