Erbarmungsloses Gaffen


Grafik: TP
Ist dies ein neues Phänomen? Oder gab es diese unerbittliche, rohe Schaulust schon immer? Horden von Gaffern filmen die Szenerie eines Unfalls und behindern dabei sogar die Rettungskräfte.

Von Jörg Räwel | TELEPOLIS

Es zeugt von Hilflosigkeit, wenn sich Kräfte der Feuerwehr bemüßigt sehen, filmende Gaffer anzuspritzen, oder sich die Polizei über die Skrupellosigkeit der schamlosen Gaffer empört. Sind dies extreme Einzelfälle, wenn Schaulustige einem Selbstmordwilligen „Spring doch!“ zurufen, um die Szene mit ihrem Handy zu filmen? Oder sind es tatsächlich extreme Ausprägungen eines neuen gesellschaftlichen Phänomens, wenn ein junges Mädchen den Tod ihrer Schwester bei einem Autounfall, den sie selbst verursachte, live für ihre Instagram-Follower filmt?

Natürlich ist zunächst nicht unplausibel festzuhalten, dass das „Unmenschliche zur Menschheitsgeschichte“ gehört. Zu denken ist an die grausamen Spektakel der Gladiatorenkämpfe im antiken Rom; auch öffentliche Hinrichtungen im Mittelalter glichen wohl oft Volksfesten. Wir wollen dennoch im Folgenden, entgegen einer vermuteten Kontinuität menschlicher Grausamkeit, soziologisch informiert erläutern1, dass sich in unserer Gesellschaft neue Formen der Kommunikation ausdifferenziert haben, die narzisstisches, selbstbezogenes Handeln wahrscheinlicher machen, als früher.

Bekanntlich, folgt man Marx und Engels, bestimmt das Sein das Bewusstsein. Wobei das „Sein“ der Menschen als „animal sociale“ im wesentlichen ihrer kommunikativen Umwelt entspricht, den Formen der Kommunikation, denen sie sich aussetzen. Und natürlich gilt ebenso: Das Bewusstsein wiederum beeinflusst die Form der möglich werdenden Kommunikation. Kaum anzuzweifeln ist, dass sich die kommunikative Umwelt, das kommunikative „Sein“ der Menschen, mit dem Aufkommen der sozialen Medien (Facebook, Twitter, Instagram etc.) in den gut letzten 10 Jahren radikal verändert hat. – Ja, es ist tatsächlich erst knapp 15 Jahre her, dass Facebook, mit nunmehr 2 Milliarden aktiven Nutzern, gegründet wurde. Instagram, mit mittlerweile etwa 700 Millionen Nutzern, besteht erst seit etwa 7 Jahren. Sollte angesichts dieser radikalen Veränderungen nicht mit gravierenden Bewusstseinsveränderungen gerechnet werden?

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