Grundtypen des Atheismus im Licht der Bibel


„Drei Arten von Menschen gibt es: die einen, die Gott dienen, weil sie ihn gefunden haben; die andern, die bemüht sind, ihn zu suchen, da sie ihn nicht gefunden haben; die dritten, die leben, ohne ihn zu suchen und ohne ihn gefunden zu haben. Die ersten sind vernünftig und glücklich, die letzteren sind töricht und unglücklich, die dazwischen sind unglücklich und vernünftig.“
(Pascal: Pensées,Frg. 257)

Prof. Dr. Edith Düsing | Wort und Wissen

Einleitung und Gliederung

Jeder Mensch sucht Gott oder aber flieht vor ihm kraft seines Fühlens, Denkens oder Wollens.

Daher lassen sich Grundtypen des Atheismus gemäß den Seelenvermögen unterscheiden:

  1.  Ein Atheismus trotzigen Aufbegehrens gegen das Leid: die Hiobsfrage, das Theodizeeproblem.
  2. Ein Atheismus der Weltbilder konstruierenden Vernunft: Der Glaube an die Erklärungskraft der Naturgesetze, in atheistischer Weltansicht beliebt, ist der Aberglaube der Moderne(Wittgenstein).
  3. Ein Atheismus, der Gott für ein Phantasieprodukt hält (Protagoras, Feuerbach). –Folgerungen:
  4. Atheismus der Gleichgültigkeit: Gottvergessenheit in einer genußsüchtigen Spaßgesellschaft.
  5. Gottlosigkeit im traditionellen Sinne: sittenwidrig böse Praxis, leben als ob es Gott nicht gäbe.

Zur aktuellen Lage

Ist Gott bloß Illusion, der Geist des Menschen ein physikalischer Zustand, seine Seele nur Tierseele? Zweieinhalb Jahrtausende galt in der abendländischen Kultur ‚Atheismus‘ als schwerste Anklage. Im 21. Jahrhundert hingegen preisen manche sich selbst als Atheisten. Dahinter steckt ein grundstürzender Wertewandel, von der ehemals selbstverständlichen, dem Menschen gemäßen Gott-suche hin zur – heute salonfähigen – Gottesverachtung. Postmoderne atheistische Positionen umweht ein Nimbus von radikaler Aufklärung und absolutem Humanismus.

Der Glaube an die Erklärungskraft der Naturgesetze, in atheistischen Weltansichten beliebt, wird von Wittgenstein ‚der Aberglaube der Moderne‘ genannt.1
Hinter der Wissenschaftsgläubigkeit, die einen zeugenden Weltgrund annimmt, an autarke Naturgesetze ohne einen Schöpfer glaubt, waltet ein Wille, der einen Abgott anbetet. Urknallphysik mit eingepackter Evolutionsbiologie verleugnet Christi Inkarnation, Kreuzestod und Auferstehung, so kristallklar Horst Waldemar Beck.2
Wird Selbstorganisation des Lebens aus dem Nichts, eine Hypothese, als erwiesene Tatsache behauptet, so legt sie einen Denkbann mit globaler Macht auf Wissenschaftler und glaubendes Volk: die Suggestion autarker Schöpfung ohne Schöpfer. Die Fiktion: ‚Am Anfang geschah alles von selbst’!

Eine biblische Einschätzung vorweg

Im Alten Testament ertönt aus dem Munde der „Spötter“ das harte Wort: „Non est Deus“ („Es gibt keinen Gott“: Psalm 14, 1: Vulgata). Verschiedene Arten von Gottlosigkeit tauchen hier auf: Gottvergessenheit, negative Theodizee, unvernünftige Gottesleugnung, Wunschphantasie. „Wohl dem Menschen“, so lautet die Seligpreisung, „der nicht sitzt im Rat der Gottlosen, wo die Spötter sitzen“ (Ps 1, 1), und bei Jeremia wehklagt Jahwe selbst: „Mich, die Quelle des Lebens verlassen sie und bauen sich löchrige Zisternen“; sie kehren mir den Rücken zu, nicht das Angesicht; „wenn aber die Not über sie kommt, sprechen sie: ‚Auf, hilf uns‘„(Jeremia 2, 13.27). Unsere Willensaktivität wird aufgerufen, indem vor einem „Sitzen“ bei den „Spöttern“ gewarnt wird. In dem Satz: „Es ist kein Gott, so sprechen die Toren“ (Psalm 53, 2) hebt der Psalmendichter auf ihre Vernunftwidrigkeit ab. Ein göttlicher Humor begleitet Irrende bis in ihre götzendienerischen Wahngedanken, sie sokratisch ihrer Absurdität überführend: „Götter, die du dir gemacht hast – wo sind sie?“ Sprichst du, Frau, zu ihnen: „Stein, du hast mich geboren“?! oder sprichst du, Mann, zu einem Holze: „mein Vater“?! (Jeremia 2, 27)

Kants Widerlegung des Atheismus

Immanuel Kant verdanken wir eine starke klare Widerlegung des Atheismus; er widmet ihm Aufmerksamkeit, so als habe er dessen künftige Popularität vorausgeahnt. Durch Untersuchung der Grenzen unsrer Vernunft zeigt er: Der Satz „Gott existiert nicht!“ ist eine unhaltbare Aussage —- über ein Sein an sich, das unerkennbar ist. Gottes Dasein ist nicht widerlegbar, auch nicht die Hoffnung eines künftigen Lebens. Dem Atheismus und Materialismus, könne ganz „die Wurzel abgeschnitten“ werden (KrV AA III 21). Kants Vernunftkritik widerlegt die Begründbarkeit der These: „Es ist kein“ Gott! „Denn wo will der angebliche Freigeist seine Kenntnis hernehmen?“ Dieser Satz liegt außerhalb der Grenzen menschlicher Einsicht. Wer ihn behauptet, vertritt ein negatives Dogma über die Vernunft hinaus. Wer Gott leugnet, muß, was er nicht kann, die negative Beweislast tragen! Und zwar logisch-erkenntnistheoretisch und existentiell-persönlich eschatologisch coram Deo. Der Verzicht des Agnostikers auf die nach dem Ursprung fragende Vernunft läuft auf den nicht vernünftigen dogmatischen Unglauben hinaus, der ohne Beweise Gottes Dasein bestreitet, worüber kein positiv oder negativ zwingendes Erkenntnisurteil gefällt werden kann. Also kann es nur außer vernünftige, nicht vernunftgemäße Gründe für den Atheismus geben. Fazit: Die Kritik der reinen Vernunft erhärtet: Schlechthin unmöglich ist es, Gottes Nichtdasein zu beweisen.

Geschichtliche Ursprünge des Atheismus

Kant zeigt durch Argumente, was im christlichen Abendland verbürgte Sicht war: Atheismus galt als widervernünftig, ja als intellektueller Selbstmord; wer Gott leugne, begehe ein doppeltes moralisches Verbrechen, er beleidigt die höchste Majestät und verstümmelt zugleich geistig sich selbst. Denn der Gottesgedanke gehöre jeder Menschenseele wesentlich zu, und wer ihn in sich auslösche, lege gleichsam im Innersten Hand an sich, analog zu dem, der seinen Leib antastet. Aufgrund seiner Unvernünftigkeit müsse er, einer „du coeur“ (des Herzens) sein, eine vorsätzlich zugezogene Selbstverblendung ein „aveuglement volontaire“ (eine freiwillige Erblindung), zuletzt in geistlicher Diagnose: „L’athéisme. Une maladie spirituelle“ (Der Atheismus. Eine geistliche Erkrankung)3.
Denn jeder Mensch verfüge, so Paulus in Römer 2, 15, über ein seiner Vernunft eingeborenes bzw. ihm in sein Herz geschriebenes Wissen von Gott, das der Atheist in sich selbst ausradiert.
Noch zur Zeit der Aufklärung war der Atheismus selten, eine Anomalie, ein „Grenzfall“4, – so wie in der ganzen Geschichte der Philosophie der Atheismus eine Ausnahmeerscheinung war. Die „Atheisterey“ galt weithin als ein „unvernünftiges Vorutheil“, etwa daherrührend, daß ihre Fürsprecher „ihrer todtkranken und verfinsterten Vernunft allzu viel einräumen“. Vor allem lud die bewunderungswürdige Ordnung der Natur zu physikotheologischen Betrachtungen ein, auf einen weisen Schöpfer hindeutend. Forscher ersten Ranges, als Astronomen, Mathematiker und Physiker wie Nikolaus Kopernikus, Johannes Kepler, Isaac Newton, kamen her vom biblischen Glauben an den in Christus offenbarten Gott und „erkannten“ darin, daß „die Welt durch Gottes Wort geschaffen …, alles Sichtbare aus Unsichtbarem entstanden ist“ (Hebräer 11, 3). So war die Bibel nicht nur kein Hemmfaktor in der Geschichte neu aufblühender Naturwissenschaft, wie Vorurteile besagten, sondern kraft Hypothesen derer, die auch im ‚Buch der Natur‘ Spuren von Gottes Wirken finden wollten,5 zuversichtlich Zusammenhänge vermuteten, Naturforschung beflügelnd.

weiterlesen


1 Ludwig Wittgenstein: Tractatus logico-philosophicus, London 1922; vgl. Robert Spaemann: Der letzte Gottesbeweis, München 2007, 11f; zur Widerlegung des Atheismus s. Edith Düsing: Gottvergessenheit und veruntreute Seele. Philosophische Streifzüge von Kant zu Nietzsche, München 2018; dies.: Atheismus und Agnostizismus, in: Verantwortlich glauben. Ein Themenbuch zur christlichen Apologetik, hg. von Christian Herrmann, Nürnberg 2016, 220-237.

2Zum Verhältnis von Glaube und Naturwissenschaft s. Horst W. Beck: Biblische Universalität und Wissenschaft. Interdisziplinäre Theologie im Horizont trinintarischer Schöpfungslehre, 2. Aufl. Weilheim-Bierbronnen 1994.

3Winfried Schröder: Ursprünge des Atheismus. Untersuchungen zur Metaphysik- und Religionskritik des 17. und 18. Jahrhunderts, 71ff. Die Seitenzahlen in Klammern beziehen sich im Folgenden auf dieses informative, der Intention nach freigeistige Werk.

4Jürgen Mittelstraß: Neuzeit und Aufklärung. Studien zur Entstehung der neuzeitlichen Wissenschaft und Philosophie, Berlin/ New York 1970, 130.

5Zur Forschung befördernden Ausstrahlung der Bibel s. aus fernöstlicher Perspektive Vishal Mangalwadi: Das Buch der Mitte: Wie wir wurden, was wir sind: Die Bibel als Herzstück der westlichen Kultur, Basel 2014.

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Ein Gedanke zu “Grundtypen des Atheismus im Licht der Bibel

  1. Seit über 2.000 Jahren gibt es eine verleumderische Demagogie gegen Atheisten. Dies führte dazu, dass man sie als Ketzer umbrachte, wenn man ihrer habhaft wurde. Noch heute gibt es in einem Dutzend Staaten die Todesstrafe für Atheisten. Man hat die anti-atheistische Propaganda in Szene gesetzt, weil man mit der Begründung für die Existenz Gottes auf ganzer Linie gescheitert ist. Da es also keinen Grund gibt, an Gott zu glauben, der vor der Vernunft Bestand hätte, muss man sich des Atheismus anders erwehren – indem man die Atheisten verleumdet, ihre Gründe ignoriert, ihre moralische Integrität bestreitet. Jedes Mittel ist dazu recht.

    Aber zunächst zu Kants angeblicher Widerlegung des Atheismus.

    Wäre der Satz „Gott existiert nicht“ eine unhaltbare Aussage über das Sein, weil man über Gott keine Aussage machen kann, dann wäre die Aussage „Gott existiert“ davon ebenso betroffen. Dann wäre damit der Theismus ebenso widerlegt wie der Atheismus. Aber woher will man wissen, dass man über Gott keine Aussage machen kann? Kann man über Gott keine Aussage machen, dann kann man auch nicht wissen, ob man eine Aussage machen kann oder nicht. oder, wie Wittgenstein sagte, man kann dem Denken keine Grenze ziehen, weil man dazu nicht nur wissen müsste, was man weiß, sondern man müsste auch wissen, was man nicht weiß. Letzteres ist unmöglich. Daher ist eine Aussage des Typs „Man kann nichts über die Existenz von X wissen“ generell purer Unsinn, denn das setzt voraus, dass man weiß, was man nicht wissen kann.

    Natürlich haben derlei Überlegungen die Monotheisten nie davon abgehalten, Aussagen über Gott in schier unerschöpflicher Menge zu treffen. D. h., sie glauben den Unsinn darüber, dass man über Gott nichts sagen kann, selber nicht. oder, wenn sie es glauben, hält es sie nicht davon ab, viele Aussagen über Gott zu machen, die sie dem eigenen Bekunden nach nicht machen können. Wenn man Kant ernst nimmt, hat er einen starken Agnostizismus begründet, der besagt, dass jede Aussage über Gott Unsinn ist.

    Nun besteht eine der Taktiken der Verleumdung der Atheisten darin, ihnen Aussagen unterzuschieben, die sie nicht machen. Dazu gehört die unter Monotheisten verbreitete falsche Ansicht, Atheisten würden behaupten, dass Gott nicht existiert. Aber das tun sie nicht, jedenfalls in absoluter Mehrheit nicht. Sondern die Aussage der Atheisten lautet: Ich GLAUBE nicht an Gott.

    Da man Gott nicht beweisen kann, wie Kant behauptet hat, kann man nichts über ihn wissen. Man muss daher an ihn glauben. Der Glaube besteht in der Akzeptanz einer Behauptung, für die man keine Beweise hat, oder sogar keine haben kann, wie Kant festgestellt hat. Wenn es legitim ist, zu sagen: „Ich glaube an Gott, ich behaupte, er existiert, obwohl ich keine Beweise habe“, so ist das Gegenteil ebenso legitim und ebenso gut begründet: „Ich GLAUBE nicht an Gott, weil ich keine Beweise für seine Existenz habe“. Jedes Problem, das man mit der zweiten Ansicht hat, müsste man auch mit der ersten haben.

    Atheismus ist die Antwort auf eine einfache Frage: Glaubst Du an Gott?

    Theist: Ja.
    Atheist: Nein.

    Agnostizismus ist die Antwort auf die Frage, ob man Gott beweisen kann oder nicht. Während also der Theist die Frage beantwortet, ob er glaubt oder nicht, unterstellt die anti-atheistische Propaganda, dass ein Atheist wissen muss, dass Gott nicht existiert, um etwas über seinen Glauben sagen zu können. Man erzeugt ein künstliches Ungleichgewicht: Der Theist kann argumentieren, dass er glaubt, dem Atheisten verweigert man dies. Was nichts weiter bedeutet, dass Theisten, die das tun, einen doppelten intellektuellen Standard haben, und eine doppelte Moral, die es ihnen erlaubt, zu tun, was sie anderen verwehren.

    Hinzu kommt, dass eine Behauptung über Existenz, die man weder beweisen noch widerlegen kann, an sich unsinnig ist. Was Kant letztlich behauptet, ist, dass es Unsinn ist, zu sagen, dass Gott existiert. Was gewisse Theisten daraus lesen: Es ist Unsinn, zu sagen, dass Gott nicht existiert. Und in dem sie dem Atheisten diese Aussage fälschlich unterjubeln, können die dessen Position diskreditieren – in der Hoffnung, die Menschen mögen nicht bemerken, dass sie der Bumerang trifft, nachdem er den Atheisten verfehlt hat.

    Es handelt sich um einen unredlichen Trick: Dem Theisten gestattet man, Aussagen über etwas zu machen, was er nicht weiß, weil er es – laut Kant – nicht wissen kann. Indem man dem Atheisten dies verwehrt, bürdet man ihm die Beweislast auf. Gleichzeitig behauptet man, dass es unmöglich sei, diesen Beweis zu führen. Was der Atheist letztlich sagt, ist, dass ihm die Beweislage zu dünn ist, um sich zu einer so weitreichenden Aussage zu versteigen, ob Gott existiert oder nicht. Vor allem reicht es nicht, um zu sagen, dass Gott existiert, und dann noch Aussagen darüber zu treffen, wie er ist, was er gesagt hat, welche Ansichten er vertritt, und welche Eigenschaften er hat.

    Die Anzahl der Atheisten nimmt auch deswegen zu, weil immer mehr Menschen begreifen, mit welchen unredlichen Methoden hier gearbeitet wird. Man fühlt sich ausgetrickst, missbraucht, und intellektuell „vergewaltigt“, wenn man das durchschaut.

    Man kann, muss den „religiösen Glauben“ (denn das Wort glauben alleine ist mehrdeutig) so definieren:

    Glauben = vorgeben, etwas zu wissen, was man nicht weiß.

    Um dann die Frage so zu stellen, wie sie gemeint ist: Behauptest Du, zu wissen, dass Gott existiert, obwohl Du es nicht weißt oder nicht wissen kannst?

    Theist: Ja.
    Atheist: Nein.

    Und damit fällt der ganze Artikel wie ein Kartenhaus in sich zusammen und entpuppt sich als ein weiterer, höchst unmoralischer Versuch, Atheisten zu diskreditieren und die eigenen Gläubigen auf ein sehr dünnes Glatteis zu führen, auf dem sie früher oder später einbrechen werden.

    Kurz: Atheisten stellen keine Existenzbehauptung auf – sie sagen nur, dass die Beweislage es nicht erlaubt, eine positive Existenzaussage zu treffen. Wenn die Theisten nicht bereit oder in der Lage sind, die Beweislast zu schultern, ist das alleine ihr Problem. Denn man kann beliebigen Unsinn mit dem Trick behaupten, dass der Gegner der Behauptung beweispflichtig ist.

    Der Verdacht erhebt sich, dass der Glauben der Theisten genau das ist – purer Unsinn, getarnt mit Rauch- und Nebelkerzen.

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