Historiker Philipp Blom: „Die Erde braucht uns nicht“


foto: robert newald Philipp Blom: „Technologischen Fortschritt hat es immer gegeben. Das Revolutionäre diesmal ist, dass die Systeme anfangen zu lernen. Sie schreiben die Regeln selbst, wenn das Ziel definiert ist.“
Digitalisierung, Klimawandel und Hyperkonsum läuten das Ende der Demokratie ein, sagt Philipp Blom. Warum der Historiker für unsere Zukunft nicht viel Gutes sieht und die Echokammern der sozialen Netzwerke demokratiepolitisch bedenklich sind

Interview Bettina Pfluger | derStandard.at

Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Zukunft keine Verheißung mehr ist sondern als Bedrohung wahrgenommen wird. Die Verteidigung von Privilegien gilt als Geißel unserer Zeit. So schreibt es Philipp Blom in seinem aktuellen Buch „Was auf dem Spiel steht“. Darin entwirft der Historiker ein düsteres Bild von unserer Zukunft. So düster, dass er manchmal selbst damit hadert, ob er das Geschriebene wirklich glauben will. Im Buch wirft eine Forscherin aus der Zukunft einen Blick auf das Heute. Was wird sie sich fragen, fragt Blom. Wohl warum wir gegen die aktuellen Bedrohungen – Digitalisierung, Klimawandel, Hyperkonsum – nicht reagiert und gegengesteuert haben. Denn sie haben laut Blom die Macht, das Ende der Demokratie einzuläuten.

STANDARD: Sie sagen, das Versprechen, dass die Kinder es später besser haben werden als die Erwachsenen heute, gilt nicht mehr. Warum?

Blom: Weil die wenigsten glauben, dass ihre Kinder es besser haben werden. Ein Teil der Bevölkerung hat begriffen, dass unser Wohlstand nicht zu übertreffen ist. Der andere Teil sieht, dass sie keine fairen Aufstiegschancen haben. Es wird nicht gelingen, Wohlstand laufend zu steigern.

STANDARD: Es liegt also auch daran, dass eine Generation nun von Geburt an materiell abgesichert war?

Blom: Es ist unsere historische Erfahrung, dass Krieg das Wirtschaftswachstum angefacht hat. Es ist weder wirtschaftlich möglich noch politisch ratsam noch psychologisch durchzuhalten, dieses Wachstum durch Konsum und damit Identität durch Konsum weiter anzuheizen. Durch den Rohstoffabbau zerstören wir Lebensgrundlagen. Wenn wir hier nicht reagieren, kann das nur in eine problematische Richtung gehen.

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