Man wird doch wohl noch „Tod den Juden“ schreien dürfen!


Davidstern, verschmolzen mit einem Hakenkreuz. Antisemitisches Plakat bei Demonstration in Wien (Foto: Timo Müller)
Wer in Europa heutzutage „Tod den Juden!“ oder etwas Ähnliches ruft, gehört zu einer unterdrückten Minderheit: Er läuft Gefahr, Opfer des Antisemitismusvorwurfs zu werden. Auf diesen Skandal macht die Kultur- und Sozialanthropologin Liza Ulitzka in einem Beitrag für die Wiener Zeitung aufmerksam.

Von Stefan Frank | mena-watch

Ulitzka ist ehrlich empört darüber, dass „man in Österreich und Deutschland“ „entsetzt“ „auf die ‚judenfeindlichen und antisemitischen’ Demonstrationen“ blicke. Sollte man sie begrüßen? Zumindest müsse man relativieren und beschwichtigen, erklärt Ulitzka, und dürfe dabei keinen Allzweckreiniger benutzen:

„Das deutsche Nachrichtenmagazin Spiegel berichtete in seiner Online-Ausgabe von ‚blankem Hass gegen Israel und gegen Juden‘ und ‚israelbezogenem Antisemitismus‘, den die Redakteure auf einer Demonstration in Berlin zu beobachten vermeinten. Der Begriff ‚Antisemitismus‘ ist zu einer Art Allzweckreiniger verkommen. Jegliche Kritik am Staat Israel und an dessen brutalen Siedlerkolonialismus ist mit einem Antisemitismus-Wisch einfach weg.“

„Antisemitismus-Wisch“ ist wohl ein Fachterminus aus der Kultur- und Sozialanthropologie; was Ulitzka – die nach Angaben der Wiener Zeitung einige Zeit als freie Journalistin in Ägypten gesiedelt hat und nun stellvertretende Politik-Ressortleiterin des Fernsehsenders Puls 4 ist – sagen will, ist besser bekannt als die Livingstone Formulation, nach Ken Livingstone, dem früheren Londoner Bürgermeister. Sie geht zurück auf eine nächtliche Auseinandersetzung zwischen dem Journalisten Oliver Finegold und Livingstone, der gerade von einer Party kam. Finegold fragte, wie die Party war. Livingstone ärgerte sich über die Frage, woraufhin Finegold erwiderte, er mache nur seinen Job als Reporter. Livingstone fragte ihn, ob er früher ein „deutscher Kriegsverbrecher“ gewesen sei; Finegold antwortete, dass er Jude sei und die Frage ihn beleidige. Livingstone insistierte, Finegold benehme sich genau wie ein „deutscher Kriegsverbrecher“, die Zeitung, für die er arbeite, sei „ein Haufen von Mistkerlen und reaktionären Heuchlern“ und unterstütze den Faschismus.

weiterlesen