Alles im grünen Bereich: Das Geheimnis der Mistel


© Charlotte Wagner
Die Nachbarn haben jetzt wieder einen Mistelzweig aufgehängt. Allzu oft küssen sie sich nicht darunter. Aber der Brauch soll ja auch anderweitig helfen.

Von Jörg Albrecht | Frankfurter Allgemeine

Viscum album gehört zu den wenigen immergrünen Pflanzen Mitteleuropas und trägt im Dezember weiße Früchte, was die Hoffnung weckt, dass das Leben irgendwie schon weitergehen wird. Als Halbschmarotzer betreibt die Mistel eine eigene Photosynthese, entzieht ihrem Wirtsbaum aber Wasser und Nährstoffe, was in Trockenjahren und bei schlechter Wasserversorgung zum Absterben einzelner Äste oder ganzer Kronenpartien führen kann. Der Naturschutzbund Nabu hat beobachtet, dass sich die Unterart der Laubholzmistel (V. album subsp. album) in letzter Zeit vermehrt in Obstbaumbeständen ausgebreitet hat. Auch Kiefern können leiden, wenn sie von der Unterart V. austriacum befallen werden.

Die ungewöhnliche Erscheinungsform des Strauches hat die Phantasie der Menschen seit eh und je beflügelt. Den keltischen Druiden galt die Mistel, wenn man den Berichten des römischen Naturforschers Plinius des Älteren glauben darf, als Wundermittel, das in einem umständlichen Ritual mit einer goldenen Sichel geerntet werden musste. Über den Verwendungszweck gibt es keine seriösen Quellen, der Zaubertrank jedenfalls, der Asterix und Obelix übermenschliche Kräfte verleiht, wird es nicht gewesen sein. Rudolf Steiner, der Begründer der anthroposophischen Lehre, hat gegen Ende des Ersten Weltkriegs „aus unmittelbarer geistiger Forschungsanschauung“ geschlossen, dass Mistelextrakte sich zur Behandlung von Krebserkrankungen eignen müssten.

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