Arbeit als Religion: Warum hören wir nicht einfach auf zu arbeiten?


Warum nur? Auch am Übergang zwischen Lutherjahr und Marxjahr bleibt Arbeit die Religion der Massen. Dabei wäre das gar nicht mehr…Foto: Thomas Eisenhuth/dpa
Zwischen Lutherjahr und Marxjahr fragt sich unser Autor: Warum beten wir die Arbeit eigentlich immer noch an, obwohl wir nicht müssten? Ein Essay.

Von Hannes Soltau | DER TAGESSPIEGEL

Wer in seine berufliche Zukunft schauen möchte, kann dies auf der Homepage des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) machen. Das Orakel nennt sich „Job-Futuromat“. In einer Maske lässt sich die eigene Profession auswählen und schon spuckt ein Algorithmus das eigene Schicksal in Form einer Prozentzahl aus. Je höher diese ist, desto wahrscheinlicher werden Roboter in Kürze das Berufsbild dominieren. Demnach sind Landwirte bereits zu 50 Prozent ersetzbar, Industriekaufmänner zu 56 Prozent, Bäcker zu 70 Prozent und Elektrotechniker gar zu 78 Prozent. Insgesamt kann laut IAB schon heute ein knappes Drittel aller Berufe entweder zur Hälfte oder komplett von Maschinen übernommen werden.

Diese Tendenz zur Umwälzung der Arbeitswelt durch künstliche Intelligenz wird sich kaum umkehren. Es ist ein Dilemma, das an den Stoff griechischer Tragödien erinnert: Weil der Mensch immer innovativer wird, hat er sich selbst als Erwerbstätiger überflüssig gemacht. Diese Erkenntnis der Überflüssigkeit macht vielen Angst. Doch das müsste sie nicht, denn diese Entwicklung könnte nicht weniger als das sein: einer der größten Fortschritte der Menschheitsgeschichte.

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