Die Abschaffung der Geschlechter


© Kat Menschik
Die Geschlechterverhältnisse sind erschüttert, der Dualismus wankt. Das ist eine Chance, die üblichen Zuschreibungen durcheinander zu bringen. Und am Ende ist die ganze Männlichkeit nur ein ironischer Spleen.

Von Harald Staun | Frankfurter Allgemeine

Die vergangenen Monate haben das Verhältnis der Geschlechter zueinander so heftig durcheinander gebracht, wie man das fast nicht mehr für möglich gehalten hätte – und dass der Schock so groß ist, der seit diesem Jahr mit dem Schlagwort #Metoo benannt wird, das liegt nicht nur daran, dass die Liste der sexuellen Übergriffe noch immer täglich weitergeschrieben wird; es liegt auch daran, dass in den Diskussionen, in jenen über die unbezweifelbaren Verbrechen genauso wie über die zweifelhaften Unverschämtheiten, ein real existierendes Männerbild sichtbar wurde, welches auch viele Männer kaum fassen konnten.

Es ging, wenn in diesem Jahrhundert über Emanzipation und Feminismus diskutiert wurde, doch längst schon um viel mehr: um gleiche Löhne und um Genderrollen, um Teilzeit-Lösungen und um Kitaplätze, und um die Frage, ob es reicht, sich darauf zu verständigen, dass Nein auch Nein heißt – oder ob nur ein Ja auch Ja bedeutet. Doch plötzlich redete man wieder über Männer, die sich benehmen, als seien sie aus einer Folge „Mad Men“ entsprungen, über Männer, die auch im Jahr 2017 noch ihren Chauvinismus für biologisch legitimiert und die Anrede „Dame“ für eine Höflichkeit halten.

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