Zeit für neue Farben


© Cassius V.Stefani/Neukirchen Collection
Sehen wir alle das Gleiche, wenn wir Farben wahrnehmen? Der kulturelle Streit darüber geht weiter, gleichzeitig ruft eine Avantgarde die neue Ära der Farbwissenschaft aus und die Technik erfindet das Bunte neu. Ein Gegenstand, zwei Perspektiven.

Von Sibylle Anderl, Joachim Müller-Jung | Frankfurter Allgemeine

Die Welt präsentiert sich den Normalsichtigen unter uns überaus farbenfroh. Und damit sind nicht nur all die farblichen Reize gemeint, mit denen wir Menschen uns heute selbst unsere Umgebung verschönern – auch die Natur geizt nicht mit Farbe und lässt uns ins Grübeln darüber kommen, woher im Tier- und Pflanzenreich all das Bunte kommt und welchem Zweck es dienen könnte. Doch damit sind die Fragen im Anschluss an den Farbenreichtum unserer Welt nicht erschöpft. Die philosophischen Fragen fangen hier erst an.

Der Grund ist, dass die Farben einen ganz eigenartigen Status als vermeintliche Eigenschaften von Objekten besitzen, indem sie, anders als Objekteigenschaften wie die Länge oder die Form, eine Abhängigkeit von der Physiologie des Wahrnehmenden aufweisen. Es stellt sich daher die Frage: Ist die Welt auch dann bunt, wenn es niemanden gibt, der sie als solche sieht? Die philosophische Kontroverse, ob Farben eher auf der Seite des Subjektes oder vielmehr auf der Seite der Objekte anzusiedeln sind, wird seit Jahrhunderten bis heute geführt.

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