Philosoph Alexander Grau: „Hier prallen Milieus aufeinander“


foto: reuters / david w. cerny Leben in der eigenen Blase, im eigenen „Stamm“ mache Gesellschaften unfriedlich, sagt der Philosoph Alexander Grau.
Der Philosoph Alexander Grau ortet in den westlichen Gesellschaften eine neue Lust an der Empörung, kombiniert mit einer meinungsbildenden „Hypermoral“. Dies führe zu Vereinfachung, Ideologisierung – und letztlich Intoleranz

Interview Walter Müller | derStandard.at

Mitunter bedarf es bloß eines Stichwortes, eines Namens, und das Netz fällt in Schnappatmung: #MeToo, Felix Baumgartner, Andreas Gabalier – und schon geht’s rund in der Posting- und Twittercommunity.

Der deutsche Essayist und Philosoph Alexander Grau ortet etwas Genüssliches an diesem Phänomen der kollektiven Erregung, eine „Neue Lust an der Empörung“. Alexander Grau befindet, eine „Hypermoral“ habe Platz gegriffen, und dieser „Hypermoralismus“ sei zu einer Leitideologie, zum meinungsbildenden Monopol geworden. Über dieses Phänomen hat er jüngst ein Buch geschrieben. „Alle anderen Erwägungen werden diskreditiert“, sagt Grau, „sogar technische, wissenschaftliche oder ökonomische Probleme werden zu moralischen Fragen umgedeutet.“

Der moralische Diskurs verfüge über ein „enormes Emotionalisierungspotenzial“, sagt Grau. Indem er Gefühle mobilisiere, entlaste er zugleich vom Nachdenken. Moralische Normen bildeten „das Wohlfühlbecken, in dem die Seele des modernen Menschen munter planscht“. Und dieser grassierende Moralismus trage nicht nur zu einer intellektuellen Vereinfachung, sondern auch zu einer „extremen Ideologisierung“ bei, sagt Grau.

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