Das Münchhausen-Trilemma


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Oder: Ist es möglich, sich am eigenen Schopfe aus dem Sumpf zu ziehen?
Vortrag auf dem Symposium zu Hans Alberts 80. Geburtstag (erschienen in: Sonderheft „Hans Albert“ der Zeitschrift Aufklärung und Kritik. 2001)

Von Michael Schmidt-Salomon | Richard-Dawkins-Foundation

Vorbemerkung

Hans Alberts Bücher und Aufsätze waren in meiner Biographie von großer Bedeutung – und das ist durchaus ungewöhnlich, denn ich bin von Haus aus Pädagoge. Pädagogen gehören bzw. gehörten noch vor einigen Jahren, als ich begann, dieses Fach zu studieren, zu jener merkwürdigen hominiden Gattung, die ich scherzhaft, „die Gutmenschen“ nenne. Pädagogen wollen die Welt und die Menschen zum Guten hin verbessern, wollen „alle alles lehren“, für Gleichberechtigung und Freiheit sorgen, die Werte der Humanität verteidigen usw. usf. Wie man sich denken kann, verfügen derart moralische Menschen oft über ein sehr einfaches Gut-Böse-Schema. Die „Guten“ waren in den 70er und 80er Jahren die kritischen Theoretiker und ihr Umfeld – Theoretiker wie Horkheimer, Adorno, Marcuse, Fromm, Bloch oder Habermas, die der bösen Welt ein entschiedenes Nein entgegenschleuderten. Die Kritischen Rationalisten hingegen – allen voran Popper und Albert – residierten im „Reich des Bösen“, standen sie doch in dem Ruf, alle Ungerechtigkeiten dieser Welt mittels oberflächlicher Sozialtechnologie konservieren zu wollen. Zweifellos war das ein haltloses Vorurteil, aber es wurde dadurch erhärtet, dass der Kritische Rationalismus innerhalb der Pädagogik vor allem in Gestalt des Wolfgang Brezinka auftrat, eines Pädagogen, der einerseits als rationaler Erziehungswissenschaftler berühmt, andererseits als neokonservativer Erziehungsphilosoph berüchtigt war und ist. (1)

Es kostete mich also einige Überwindung, Popper und Albert unvoreingenommen im Original zu lesen. Kaum aber hatte ich Poppers „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ (2) und Alberts „Traktat über kritische Vernunft“ (3) zur Hand genommen, musste ich feststellen, dass diese Bücher einige Punkte weit besser zur Sprache brachten als die dialektischen Predigten meiner alten pädagogischen Leib- und Magenphilosophen. Meine Sympathien für den Kritischen Rationalismus wuchsen weiter an, als ich Alberts Buch über „Das Elend der Theologie“ (4) las. So klar und präzise war kaum einer der kritischen Theoretiker jemals dem Hirngespinst der christlichen Religion zu Leibe gerückt. Um es kurz zu machen: Ich verdanke es nicht zuletzt Hans Albert, dass ich der Unart des pädagogischen Moralisierens entronnen bin und die Welt heute etwas nüchterner, problemorientierter gegenüberstehe.

Zu meiner Vorgehensweise: Ich werde im ersten Kapitel kurz umreißen, was Hans Albert im Sumpf der Letztbegründungen entdeckt hat und welche Konsequenzen er aus dem sogenannten „Münchhausen-Trilemma“ zog. Im zweiten Kapitel will ich Alberts Ideen mit denen seines alten Weggefährten Paul Feyerabend konfrontieren. Im dritten und letzten Kapitel soll aufgezeigt werden, dass alles Denken auf Unbegründbarem gründet und warum dennoch das Prinzip der kritischen Prüfung von großem, praktischen Nutzen ist.

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