Afrin: „Besorgt“ und scheinheilig wegschauen


Afrin. Foto: ANF
Lieber „keine eigenen Erkenntnisse über den Einsatz von Leopard-Panzern“? Von den Schwierigkeiten der deutschen und der US-Regierung sich einzugestehen, wie wichtig ihnen Erdogan ist und vom weiten Weg der YPG zum Kompromiss mit Damaskus

Von Thomas Pany | TELEPOLIS

Erdogan kann sich bestätigt sehen. Die Reaktionen aus der US-Regierung und der EU auf seinen Angriff auf Afrin sind kleinlaut. Der türkische Staatspräsident muss keine Konsequenzen fürchten, wie die Titelzeile der kurdischen ANF-News veranschaulicht: Seine Partner dies- und jenseits des Atlantiks drehen wie überforderte Heranwachsende um die eigenen Befindlichkeitsachsen: „EU, USA, Bundesregierung: Alle sind ‚besorgt‘ um Efrin“.

Die EU-Außenbeauftragte Mogherini erklärte sie sei angesichts der Situation in Nordsyrien „in großer Sorge“, Rex Tillerson äußerte sich „besorgt“, Sigmar Gabriel telefonierte mit Mevlüt Cavuşoğlu und brachte seine „Sorge“ zum Ausdruck. Der Gipfel des scheinheiligen Sorgentheaters, das von der ANF-Redaktion mit feinen Spitzen hochgenommen wird:

Zuvor hatte Außenamtssprecherin Maria Adebah erklärt, die Bundesregierung habe kein vollständiges Lagebild und könne das türkische Vorgehen völkerrechtlich daher nicht einordnen. Man müsse jedoch die „Sicherheitsinteressen“ Ankaras berücksichtigen. Zu den Sicherheitsinteressen der Zivilbevölkerung in Efrîn äußerte sie sich nicht.

Auch dem Sprecher des deutschen Verteidigungsministeriums Holger Neumann liegen „keine eigenen Erkenntnisse über den Einsatz von Leopard-Panzern“ bei der türkischen Militäroperation in Efrîn vor.

ANF-News

Es ist nicht schwer, einen Einmarsch mit Panzern und bewaffneten Kämpfer in ein anderes Land gegen den Willen der dortigen Regierung „völkerrechtlich“ einzuordnen. Das müsste der Außenamtssprecherin Maria Adebah auch klar sein. Sie redet biederen Unfug. Zu einer klaren Aussage bräuchte sie nicht mehr Wissen, sondern mehr Mut. Schwierig ist nicht die völkerrechtliche Einordnung, sondern die machtpolitische.

weiterlesen