Die saudische Parabel


In jüngster Zeit schließt jede Nachricht über die erratische saudische Außenpolitik mit dem Satz, das Königreich kämpfe mit Iran um die Vorherrschaft in der Region. Die Floskel erklärt nichts, sie wickelt das Unverständliche nur in Pseudo-Plausibilität.

Von Charlotte Wiedemann | Qantara.de

Für die Feministinnen (so nannten sie sich selbst), die ich in Saudi-Arabien traf, war der fürchterliche Krieg im Nachbarland Jemen kein Thema. Sie waren damit beschäftigt, sich selbst und andere Frauen aus den Fesseln eines absurden Vormundschaftssystems zu befreien, in dem ein weibliches Wesen lebenslang das Mündel eines Mannes bleibt.

Die Vorkämpferinnen setzten ihre Hoffnung dabei – außer auf die eigene Kraft – auf jenen Mann, der für zahlreiche Kriegsverbrechen auf dem jemenitischen Schauplatz haftbar zu machen wäre: Kronprinz Mohammed bin Salman, Verteidigungsminister und Saudi-Arabiens starker junger Mann.

Der 32jährige designierte Thronfolger wird im globalisierten politischen Jargon als Reformer bezeichnet – ein Umstand, der vor allem zeigt, wie wenig dieser Begriff besagt. Nach landläufiger Vorstellung gibt es in außereuropäischen und zumal islamischen Ländern eine Art von Paket, das mit dem R-Wort etikettiert wird und in dem sich routinemäßig Folgendes befindet: Mehr Rechte für Frauen und Minderheiten, Marktliberalismus, Bereitschaft zur Kooperation mit dem Westen. Wird dieses Paket ausgepackt, nennt man das Modernisierung. Da die Moderne aber bekanntlich von uns erfunden wurde, machen Reformen die islamischen Länder uns, dem Westen, zwangsläufig ähnlicher.

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