Barbara Glück: „Raus aus der Gedenkblase“


foto: christian fischer Barbara Glück leitet seit nunmehr bald zwölf Jahren die Gedenkstätte Mauthausen: „Ich gedenke, das Gedenken künftig anders zu gestalten – in die Zukunft gerichtet.“
Die Chefin des Mauthausen Memorial hält nichts von ritualisiertem gemeinsamem Schweigen. Sie will die Gedenkroutine verlassen

Interview Petra Stuiber | derStandard.at

Standard: 2018 gedenkt Österreich auch des „Anschlusses“. Wie viele Menschen haben den 12. März 1938 noch bewusst erlebt?

Barbara Glück: Das müssten Menschen sein, die über 90 Jahre alt sind, da gibt es nicht mehr viele. Meine Großmutter starb im vergangenen Jahr mit 99, die hat das noch erlebt, hat aber kaum davon gesprochen. Ich glaube, was alle gemeinsam haben, ist: Bis zu ihrem Tod reden sie nicht gern über diese Zeit. Weil sie nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen.

Standard: 2015 waren 20.000 Menschen bei den Befreiungsfeiern in Mauthausen, aber nur 50 Überlebende. Werden diese Gedenkfeiern zum Ritual, das langsam seinen Sinn verliert?

Glück: Ich leite die Gedenkstätte seit bald zwölf Jahren. Meine Erfahrung sagt mir: Das ritualisierte Gedenken, bei dem Menschen – zugespitzt formuliert – zusammenkommen und miteinander schweigen, hat ein Ablaufdatum. Wir haben die Wahl, uns zu entscheiden: Kommen wir weiterhin einmal pro Jahr zusammen und legen wir einen Kranz nieder oder richten wir unser Gedenken in die Zukunft? Man kann das auch umdrehen: Ich gedenke, das Gedenken künftig anders zu gestalten – in die Zukunft gerichtet.

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