Kholoud Bariedah: „Alle zwei Wochen, immer am Freitag, bekam ich 50 Hiebe“


„I am my own Guardian“, steht auf dem Armband von Kholoud Bariedah, „Ich bin mein eigener Vormund“. Die Aktivistin kämpft dafür, die Vormundschaft von Männern über Frauen in ihrem Heimatland abzuschaffen. Foto: AKUD/Lars Reimann
Kholoud Bariedah ist zwanzig Jahre alt, als sie mit ein paar Freunden in ihrer Heimatstadt Dschidda in Saudi-Arabien eine Party feiert – und die Religionspolizei sie dafür verhaftet. Der Richter schickt sie in eine Besserungsanstalt nach Mekka. Sie wird gedemütigt, muss Stockschläge einstecken und wird in der Einzelhaft beinahe verrückt.

Von Silvia Perdoni | Berliner Zeitung

Nach ihrer Entlassung sagt sie sich vom Islam los, bekennt sich öffentlich zum Atheismus und flieht ins Ausland. Erst in die Türkei, dann über Schweden nach Deutschland, wo sie im Jahr 2015 Asyl erhält.

Heute ist sie 32, lebt in Berlin und hat ein Buch über ihre Zeit in Haft geschrieben. Viele Seiten, sagt sie in recht gutem Deutsch, entstanden in dem kleinen Café am Treptower Park, in das sie an diesem Januartag zum Interview kommt.

Frau Bariedah, Ihr Buch beginnt mit einem Alptraum. Wie oft lassen die Erlebnisse Sie heute noch aufschrecken?

Ich konnte nicht frei sein, bis ich die Geschichte aufgeschrieben habe. Jetzt bin ich es. Ich erkenne einen Sinn: Bis heute hat niemand über Frauengefängnisse in Saudi-Arabien geredet. Ich sollte das wohl erleben, um es der Welt mitzuteilen.

Was ist damals, im Jahr 2006, passiert?

Wir waren nur fünf Personen in einer Wohnung mit einem DJ. Doch dass Männer und Frauen gemeinsam feiern, war in Saudi-Arabien nicht erlaubt. Es kamen Polizisten von der Tugendbehörde, in zivil, ohne offizielle Uniform. Sie brachen die Tür auf. Ich geriet in Panik, wusste nicht, ob das vielleicht Terroristen oder andere Moralwächter waren, die Frauen vergewaltigen. Deswegen schlug ich um mich und traf einen der Männer, ich schrie, riss ich mich los und rannte – zur Polizei, um mich über die Männer zu beschweren.