Völkerrecht: Wo der Imperialismus noch wirkt


„Länder mit anderen Kulturen oder Regierungssystemen galten als unzivilisiert, darum wurde ihnen die Souveränität abgesprochen.“ Aufnahme aus dem Senegal. Foto: afp
„Das internationale Recht hat imperialistischen Charakter“: Der Rechtswissenschaftler Antony Anghie erklärt, wie die Zivilisierungsmission des 19. Jahrhunderts im Krieg gegen den Terror und im Wirtschaftsrecht reproduziert wird.

Von Susanne Lenz | Frankfurter Rundschau

Herr Anghie, was für ein Verhältnis besteht zwischen internationalem Recht und Kolonialismus?
Im 19. Jahrhundert war es völlig legal, in den Krieg zu ziehen, die Völker Afrikas und Asiens und deren Land zu erobern. Im Falle Australiens kam England an, pflanzte eine Flagge in den Boden und beanspruchte einen ganzen Kontinent als sein Hoheitsgebiet. Auch massive Gewalt war völkerrechtlich legal. Wobei ich hinzufügen muss, dass Krieg auch unter europäischen Staaten legal war.

Unter souveränen Staaten.
Ja. Aber außereuropäische Völker wurden nicht als souverän betrachtet, weil sie eine Kultur hatten, die sich von der Zivilisation unterschied, die Europa als dem richtigen Standard entsprechend ansah. Länder, die andere Kulturen oder Regierungssysteme hatten, galten als unzivilisiert. Und da sie unzivilisiert waren, wurde ihnen im 19. Jahrhundert die Souveränität abgesprochen. Was das Völkerrecht angeht, ist es so: Wenn ein Staat nicht souverän ist, kann er sich nicht an der Gestaltung dieses Rechts beteiligen. Infolgedessen waren die Völker Afrikas und Asiens die Objekte, gegen die sich das Völkerrecht durchsetzen konnte. Als Ergebnis der europäischen Eroberung wurden alle diese Gebiete in Afrika, Asien, Lateinamerika und im Pazifik unter ein von Europa geschaffenes Rechtssystem gebracht.

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