„Die Mutter als Täterin ist immer noch ein Tabu“


Die Familie ist immer noch der Tatort Nummer eins bei Kindesmissbrauch. (Foto: dpa; Bearbeitung SZ)
Im Breisgauer Missbrauchsfall erschüttert die Rolle der Mutter. Eine Familienforscherin erklärt, warum Täterinnen oft zu lange vertraut und Kindern zu spät geholfen wird.

Interview von Anna Fischhaber | Süddeutsche Zeitung

Sabine Andresen ist Professorin für Sozialpädagogik und Familienforschung an der Goethe-Universität Frankfurt und leitet die erste Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindermissbrauchs in Deutschland, die Betroffene anhört und sich auch mit dem Thema Familie und der Rolle der Mutter beschäftigt.

SZ: Ein Junge wird über Jahre missbraucht und gegen Geld im Internet angeboten. Zu den mutmaßlichen Tätern gehört auch die Mutter, die in mindestens einem Fall die Misshandlung ihres Sohnes mitorganisiert haben soll. Was ist mit dieser Mutter los, Frau Andersen?

Sabine Andresen: Das ist aus der Ferne schwer zu sagen. Nach allem, was wir bislang wissen, hat auch sie ihren Sohn missbraucht, hat ihn schutzlos ihrem Partner und anderen Gewalttätern ausgeliefert. Das ist sehr brutal. Mich macht es aber auch nachdenklich, dass uns die Grausamkeit der Mutter so erschüttert. Die Mutter als Täterin ist immer noch ein Tabu. Wir wissen wenig darüber und vielleicht wollen wir auch gar nicht so genau wissen, dass auch Frauen Kinder sexuelle Gewalt antun können. In diesem Fall haben die Behörden der Mutter offenbar vertraut. Vielleicht hat sie gut darlegen können, dass sie ihren Jungen schützt. Die Frage ist aber, welche Bedeutung hat hier die historisch gewachsene Vorstellung der Mutter, die unter Schmerzen ihr Kind gebiert und wie eine Löwin um es kämpft? Vielleicht trägt dieses Bild mit dazu bei, dass wir bei Täterinnen zu lange brauchen, einem Kind zu helfen.

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