Rücktritt Benedikts XVI.: „Akt extremer Distanzierung von den Zuständen der Kirche“


Bild: brightsblog
Der Rückzug Papst Benedikts XVI. im Februar 2013 wurde mit zunehmender körperlicher und geistiger Schwäche begründet. Der Vatikan-Kenner Volker Reinhardt bringt eine wesentlich politischere Deutung ins Spiel.

Von Birgit Wilke | DIE WELT

Warum trat Benedikt XVI. (reg. 2005–2013) am 28. Februar 2013 vom Papstamt zurück? Volker Reinhardt, Historiker an der Universität Fribourg in der Schweiz, hat maßgebliche Bücher über die Päpste, die Kirche und Italien verfasst. Für ihn war der Schritt des Ratzinger-Papstes von tiefer Symbolik geprägt.

Frage: Herr Professor Reinhardt, wie bewerten Sie als Historiker den Amtsverzicht Benedikts XVI.?

Volker Reinhardt: Das war eine echte Sensation. Einen wirklich freiwilligen Rücktritt hat es zuvor über sieben Jahrhunderte nicht gegeben. 1294 trat Coelestin V. zurück, nach nur einem halben Jahr im Amt. Die Nachricht schlug dann ja auch ein wie eine Bombe. Dass Könige und Königinnen zurücktreten, ist inzwischen ja üblich geworden, auch weil die Menschen immer älter werden. Aber der Rücktritt eines Papstes erschien wie ein Tabubruch, weil ihn viele nicht mit dem Amt assoziierten. Dabei ist ein solcher Rücktritt im Kirchenrecht durchaus vorgesehen ist, wenn er freiwillig vollzogen wird. Und natürlich ging dann sofort die Suche nach den Gründen los.

Frage: Was scheint Ihnen am plausibelsten?

Reinhardt: Die einzig sichere Quelle, die wir haben, ist seine Rücktrittserklärung vom 11. Februar: Er beruft sich da auf seine zunehmend körperliche und geistige Schwäche. Was seine geistige Schwäche betrifft: Das stimmt einfach nicht. Auch acht Jahre nach seinem Rücktritt ist er auf der Höhe seines Intellekts. Die körperliche Schwäche darf man eigentlich nicht als Grund für einen Rücktritt in Anspruch nehmen. Das hat Johannes Paul II. ja eindrucksvoll bewiesen, der schwer krank im Amt geblieben und schließlich auch als Papst gestorben ist.

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