Wiedertäufer in Münster: „Regelloser Geschlechtsverkehr in unersättlichem Wechsel“


So stellten sich die Zeitgenossen das Treiben in Münster vor – Zeichnung von Virgil Solis (1514-1562) Quelle: picture-alliance / akg-images
Das „Tausendjährige Reich“ der Wiedertäufer in Münster 1534/35 zeichnete sich durch Gütergemeinschaft und Polygamie aus. Dahinter stand nicht nur Terror, sondern tatsächlich so etwas wie Zustimmung.

Von Berthold Seewald | DIE WELT

Auch in Münster feiert man Karneval. Aus rheinischer Perspektive handelt es sich allerdings eher um eine gedämpft wirkende Angelegenheit, die weniger auf der Straße als am überdachten Thresen zelebriert wird. Das mag damit zusammenhängen, dass der traditionelle Rosenmontagsumzug auch über den Prinzipalmarkt zieht, die erste Adresse der Stadt. Von dort hat man einen guten Blick auf die Lambertikirche und die drei Käfige, die an ihrem Turm hängen. Heute sind sie leer, aber im 16. Jahrhundert verrotteten dort die Knochen der Führer eines Regimes, das als erstes „Tausendjähriges Reich“ in Deutschland für Schrecken gesorgt hatte: das „Königreich Sion“ der Wiedertäufer.

Es war im Februar des Jahres 1534, als ein gewisser Jan Mathys in die Stadt einzog. Zwar waren die Bewohner der Bischofsstadt in den vorangegangenen Jahren Anhänger Luthers geworden. Aber die uralten Traditionen, den Beginn der vorösterlichen Fastenzeit mit allerlei Schabernack zu feiern, wird vielen noch im Bewusstsein gewesen sein. Doch die Monate, die folgten, sollten alles in den Schatten stellen, was bis dahin erdacht worden war, um böse Geister zu vertreiben. Denn aus Spaß wurde blutiger, tödlicher Ernst.

weiterlesen

In drei eisernen Käfigen am Turm von St. Lamberti Münster, verrotteten die Knochen der Anführer. Bild: bb