Max „Marko“ Feingold: „Selbst bei den Sozialisten hieß es: Saujud, schleich Dich!“


Max „Marko“ Feingold ist mit 104 Jahren der älteste Holocaust-Überlebende Österreichs © Hans Hochstöger Stern (print)
Österreichs ältester KZ-Überlebender Max „Marko“ Feingold über den Antisemitismus in seiner Heimat, Hitlers Geburtshaus und wieso er seinen 105. Geburtstag mit der rechts-konservativen Regierung feiern will. Auftakt zu einer Mini-Serie über Deutschlands südlichen Nachbarn.

stern.de

Österreich – Deutschlands südlicher Nachbar steht nicht zuletzt wegen seiner rechtskonservativen Regierung unter besonderer Beobachtung. Was ist das für ein Land? Von welchen Stimmungen wird es aktuell geprägt? Der stern suchte und fand Antworten in fünf Gesprächen mit namhaften Österreichern. Heute: Max „Marko“ Feingold, den mit 104 Jahren ältesten Holocaust-Überlebenden Österreichs.

Lieber Herr Feingold, sie sind 104 Jahre alt, haben den Terror des Nationalsozialismus überlebt, aber auch genaue Erinnerungen an das Aufkommen des Faschismus in Italien und Österreich davor. Wann ist Ihnen bewusst geworden, wie gefährlich das alles werden würde?

Im faschistischen Italien, wo ich als Vertreter herumgereist bin, habe ich mir drüber kaum Gedanken gemacht. Aus einem ganz einfachen Grund: die Italiener wussten nicht so recht, was Juden sind. In Italien wollten wir das Totengebet für unsere verstorbene Mutter sagen, da fragten wir nach der Synagoge, und erklärten dem Polizisten wir suchen ‚eine Kirche für Juden‘ er sah uns an uns sagte ‚Das gibt es auch?‘ Insofern hat man uns dort nicht bekämpft. In Österreich war die Situation ganz anders.

Sie haben bereits in Österreichs erster Republik, die bis 1938 herrschte, Antisemitismus erfahren?

Der Judenhass war bereits in der Monarchie sehr präsent. Ich habe es seit der Volksschule hautnah erleben müssen. Manche Lehrer haben Schüler angerempelt, bloß weil sie jüdisch waren. Der Antisemitismus in Österreich war besonders absurd, weil er sogar von Juden ausgeübt wurde. Ich erinnere mich besonders unangenehm an den Onkel des späteren Bundeskanzlers Kreisky, den ich in der Realschule hatte – ein getaufter Jude, der uns fürchterlich behandelt hat.

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