„Die Menschheit hat nach Auschwitz nichts gelernt“

foto: heribert corn Die Kognitionswissenschafterin Monika Schwarz-Friesel will Antisemitismus nicht unter andere Vorurteilssysteme subsumieren.

Für die deutsche Kognitionswissenschafterin Monika Schwarz-Friesel ist Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft verhaftet. Durch soziale Medien steige die Quantität und die Gefahr der Normalisierung von Judenhass

Interview Vanessa Gaigg, Oona Kroisleitner | derStandard.at

STANDARD: Wie verbreitet ist Antisemitismus in Europa heute noch?

Schwarz-Friesel: Sehr weit. Seit über zehn Jahren sammle ich Zuschriften an israelische Botschaften und am Zentralrat der Juden in Deutschland. Anhand von diesem Material sieht man, dass die Mehrzahl der Schreiber aus der mittleren Gesellschaft kommt. Nur etwa drei Prozent sind Rechtsradikale oder Neonazis. Mehr als 60 Prozent sind gebildete Menschen, die sogar ihren Namen und ihre Anschrift angeben.

STANDARD: Sie erforschen Antisemitismus im Netz. Verstärkt das Internet den Hass?

Schwarz-Friesel: Es gab hier einen enormen Anstieg: 2007 haben wir eine Stichprobe von tausend Internetkommentaren zu jüdischen Themen in der deutschen Mainstreampresse betrachtet. Damals haben wir 7,5 Prozent an antisemitischen Äußerungen gefunden. Zehn Jahre später waren es über 36 Prozent. Es hat sich also mehr als verdreifacht. So ist es in der ganzen Welt: Auch der Campus-Antisemitismus hat unter linken Studierenden sehr stark zugenommen. Wir müssen nicht in die Schmuddelecke der Neonazis oder der Rechtspopulisten schauen. Es gibt viel Judenhass in allen Gesellschaftsschichten.

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Kirchliche Kliniken sollten Glauben mehr Raum geben

Wenn ihr so etwas im Krankenhaus seht, ist Flucht angesagt.
Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, appelliert an die kirchlichen Krankenhäuser, dem Glauben im Klinikalltag mehr Platz einzuräumen.

evangelisch.de

„Es wird oft unterschätzt, für wie viele Patienten der Glaube eine wichtige Rolle spielt“, sagte Brysch der katholischen Wochenzeitung „Kirche+Leben“ aus Münster (Mittwoch). Gerade Menschen, die sich bewusst für ein Haus in konfessioneller Trägerschaft entschieden, wollten oft mehr als professionelle Kliniksozialarbeit. „Diese Patienten wünschen sich eine Atmosphäre, in der Zeit und Raum für ein Gebet oder ein Ritual ist“, sagte der Stiftungsvorstand.

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Religionsvertreter diskutieren Umgang mit Hasstexten des Glaubens

Jerusalemer Erzbischof Pizzaballa erinnert bei Antisemitismus-Konferenz in Wien an Lernprozess der Kirche durch das Konzil – Evangelien bis dahin im Glauben, dass Juden „Gottesmörder“ seien, interpretiert – „Erst Konzil hat Augen dafür geöffnet, dass es Kontinuität des Judentums Jesu und seiner Mitmenschen zum heutigen Judentum gibt“ Bild: kathpress
Christen, Juden und Muslime sollen nicht abstreiten und verdrängen, dass in ihren Offenbarungsschriften auch „Hass-Passagen“ vorkommen. Wie damit umzugehen ist, war eines der Themen eines interreligiösen Podiums am Montagabend im Wiener Universitätscampus. Es fand im Rahmen der aktuellen Antisemitismus-Konferenz statt, die am Sonntag mit einer Rede des französischen Philosophen Bernard-Henri Levy eröffnet wurde.

kathpress

Der Jerusalemer Patriarchatsadministrator Erzbischof Pierbattista Pizzaballa, selbst ein promovierter Bibelwissenschaftler, hob hervor, dass durch das Zweite Vatikanische Konzil (1962-65) eine „Befreiung“ erfolgt sei. Die Evangelien seien bis dahin in dem Sinne interpretiert worden, dass die Juden „Gottesmörder“ seien. Erst das Konzil habe die Augen dafür geöffnet, dass es „eine Kontinuität des Judentums Jesu und seiner Mitmenschen zum heutigen Judentum“ gebe. Das Konzil habe auch einer freien biblischen Quellenforschung die Tür geöffnet. Man komme dadurch zur Erkenntnis, dass „der Kontext und die literarische Gattung der Heiligen Schrift“ wesentlich für ein richtiges Verständnis seien.

Pizzaballa sprach von einer 1.500-jährigen problematischen, antijüdischen Tradition, die sich auf Evangelien und Paulusbriefe stützte. „Die Interpretation dieser Texte kann und muss aber heute viel freier sein als in den vergangenen 1.500 Jahren“, so der für Israel/Palästina zuständige Erzbischof.

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Überraschende Ursache für Untersee-Rutschungen

Klippen an der Hinlopen-Meeresstraße. Unter der Meersoberfläche hat hier vor 30.000 Jahren eine Hangrutschung stattgefunden. © Jerzy Strzelecki/ CC-by-sa 3.0
Paradoxer Kollaps: Bisher galten auftauende Gashydrate als gefährlichste Auslöser für Untersee-Hangrutsche. Doch jetzt zeigt sich, dass diese Verbindung aus Eis und Methan solche Rutschungen gerade dann verursachen kann, wenn sie stabil bleibt. Wie Forscher bei seismischen Messungen vor Spitzbergen herausgefunden haben, kann sich unter einer solchen Schicht Methangas sammeln, das dann mit Überdruck aufsteigt und dabei den Meeresgrund destabilisiert.

scinexx

Im Laufe der Erdgeschichte, aber auch in der Gegenwart kommt es immer wieder vor, dass Teile von unterseeischen Hängen den Halt verlieren und abrutschen. Spuren solcher submarinen Hangrutschungen und der von ihnen ausgelösten Tsunamis haben Forscher unter anderem vor Norwegen, vor Neuseeland und Australien nachgewiesen. Bei einigen Untersee-Erdrutschen sind die Ursachen klar: Erdbeben oder Vulkanausbrüche haben den Meeresgrund destabilisiert. Aber in vielen anderen Fällen sind die Gründe weniger ersichtlich.

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Die Klagemauer für Alle

Der Bereich für das gemeinsame Gebet von Männern und Frauen an der Klagemauer ist klein und wenig einladend (ARD / Eva Lell)
Die Jerusalemer Klagemauer ist für Juden das wichtigste Heiligtum. Bislang beten dort Männer und Frauen getrennt. Vor zwei Jahren beschloss die Regierung, es müsse auch einen großen gemeinsamen Gebetsbereich geben. Nach langem Streit haben nun die Bauarbeiten begonnen.

Von Eva Lell | Deutschlandfunk

Einmal im Monat treffen sich die Frauen der Organisation „Women oft the Wall“, um an der Klagemauer zu beten und in der Thora zu lesen. Das ist in dem Abschnitt der Klagemauer, an dem Frauen beten, nicht erlaubt:

„So muss es jeden Tag sein“,

ruft die Frontfrau von „Women oft the Wall“, Anat Hoffman, bei einem der monatlichen Gebete.

Liberale und konservative Juden legen die jüdischen Rechtsvorschriften deutlich moderater aus als die Orthodoxen – sie sehen Frauen als gleichberechtigt an und sie beten gemeinsam. Im orthodoxen Judentum beten Frauen und Männer getrennt.

„Wir begrüßen, dass sich endlich etwas bewegt“

Eine Klagemauer, das fordern die Reformer: Ein Zugang und die drei Bereiche gleichberechtigt nebeneinander – nach Geschlechtern getrennt für die orthodoxen und einen gemischten Gebetsbereich für die liberalen und konservativen Juden. Schon jetzt gibt es einen kleinen, wenig einladenden Bereich an der Klagemauer, an dem Männer und Frauen gemeinsam beten können. Der Eingang dazu befindet sich noch vor den Sicherheitskontrollen am Zugang zur Klagemauer.

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Sinn Fein: Keine Gewissensfreiheit bei Abstimmung über Abtreibung

Abgeordnete, die gegen die Legalisierung der Abtreibung stimmen, müssen mit disziplinären Maßnahmen rechnen. In Irland soll nach Streichung des Lebensschutzes in der Verfassung eine Fristenregelung eingeführt werden.

kath.net

Die Abgeordneten der Sinn Fein Partei werden bei der kommenden Abstimmung des Unterhauses des irischen Parlaments über die Abtreibungsregelung nicht unbedingt ihrem Gewissen folgen dürfen. Wer von der Parteilinie abweicht und gegen die Legalisierung der Abtreibung stimmt, wird mit disziplinären Maßnahmen zu rechnen haben, sagte die neue Parteivorsitzende Mary Lou McDonald.

„Es ist eine Frage des persönlichen Gewissens, aber es ist auch eine Frage der Politik“, sagte sie wörtlich gegenüber dem Sender RTÉ. Die Abgeordneten hätten der Parteilinie zu folgen, betonte sie.

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Islamwissenschafter: „Wir sollten die Salafisten entmystifizieren“

Themenbild. Salafisten in Deutschland (Bild: DW)
Islamwissenschafter Nedim Begović kritisiert, dass die Regierung von Bosnien-Herzegowina salafistische Gruppen nicht zwingt, dichtzumachen

Von Adelheid Wölfl | derStandard.at

Es handelt sich um kleine Gruppen, aber ihre Mitglieder sind radikale Sektierer. Die Salafisten wurden in Bosnien-Herzegowina erstmals vor circa 25 Jahren zum Thema. Im Jahr 2006 erklärte die Islamische Gemeinschaft (IG) erstmals durch eine Resolution, dass die Präsenz der salafistischen Bewegung eine Herausforderung für die Einheit der bosniakischen Muslime darstelle. Seither versucht die IG mit verschiedensten Maßnahmen gegen diese mittelalterliche Interpretation einzuwirken, die der traditionellen hanafitischen Schule auf dem Balkan fremd ist. Die Islamische Glaubensgemeinschaft, die in Bosnien-Herzegowina durch die österreichisch-ungarische Periode wie eine Kirche organisiert ist, ist für alle Moscheen und Imame im Land zuständig. Die Salafisten sind deshalb nicht in der IG vertreten. Aber sie haben sich andere „Räume“ gesucht und finden sie vor allem bei Facebook, Youtube und Twitter.

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Supernova-Methusalem entdeckt

Die neuentdeeckte Supernova ist nicht nur die bisher älteste, sie gehört auch zu den seltenen superleuchtstarken Supernovae. © NASA/CXC/ M.Weiss
Uralt und extrem hell: Astronomen haben die bisher älteste bekannte Supernova entdeckt. Die Sternenexplosion liegt 10,5 Milliarden Lichtjahre entfernt und stammt damit aus einer Zeit, als das Universum gerade einmal ein Viertel seines heutigen Alters hatte. Spannend auch: Die Sternexplosion gehört zum extrem seltenen Typ der superleuchtstarken Supernovae und kann daher wertvolle Einblicke in diese besonders hellen Ereignisse liefern.

scinexx

Am Ende ihres Lebenszyklus explodieren die meisten massereichen Sternen in einer Supernova, einer kosmischen Explosion, bei der ein Großteil der Sternenhülle abgesprengt wird. Neben starker Strahlung setzt dies auch große, Mengen schwerer Elemente frei – die Bausteine für neue Planeten. Auch Weiße Zwerge in Doppelsternsystemen können als Supernova enden.

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Judenhass von rechts und links : So wird dämonisiert

Demonstration gegen Judenhass in Berlin. Bild: Picture-Alliance
Das Gerede von der „Jüdischen Weltverschwörung“ hat links wie rechts Konjunktur. Der neue Antisemitismus-Beauftrage der Bundesregierung wird viel zu tun haben.

Von Michael Wolffsohn | Frankfurter Allgemeine Zeitung

„Jüdische Weltmacht“ oder „Jüdische Weltverschwörung“ – das Thema ist wieder auf der Tagesordnung. Nicht nur in der islamischen Welt oder unter deutschen Muslimen, auch bei Alteinheimischen erhitzt es wieder die Gemüter. Deshalb hat nun eine überparteiliche Bundestagsmehrheit – sogar vor und unabhängig von der neuen Regierungsbildung – einen „Antisemitismus-Beauftragten“ installiert. Er oder sie wird sich auch mit dem Klassiker des weltweiten Antijudaismus auseinanderzusetzen haben: der Legende von der Jüdischen Weltmacht. Diese war bekanntlich so mächtig, dass Hitler und seine Schergen sechs Millionen Juden ohne Gegenwehr vernichten konnten.

Die Jüdische Weltmacht nennt man heute „Jüdische Lobby in den USA“ und Israel, also den jüdischen Staat. Die vermeintliche Lobby stellt etwa zwei Prozent der amerikanischen Bevölkerung dar, diese zirka sechs Millionen von 7,5 Milliarden Erdbewohnern. „Tut nichts! Der Jude wird verbrannt“, verkündet der Patriarch in Lessings „Nathan der Weise“. Hieran knüpfen mehr als nur im übertragenen Sinne alteingesessene Deutsche an, die fast jeder kennt. Stellvertretend seien zwei Beispiele erwähnt. Das eine von rechts, das andere von links.

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Bundesinstitut für Risikobewertung beklagt Angst der Deutschen vor Chemie

Das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat ist umstritten  ©2018 AFP
Vor dem Hintergrund der Debatte um das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat hat der Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR), Andreas Hensel, eine tiefsitzende Angst der Deutschen beklagt.

stern.de

Vor dem Hintergrund der Debatte um das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat hat der Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung ( BfR), Andreas Hensel, eine tiefsitzende Angst der deutschen Gesellschaft vor Chemie beklagt. „Wir Deutschen neigen zur Verklärung der Natur“, sagte Hensel der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ vom Mittwoch. „Schlecht ist eben das, was nicht natürlich, sondern menschengemacht ist.“

Hensel verwies auf mögliche Konsequenzen des von Union und SPD angestrebten Glyphosat-Ausstiegs. „Andere Wirkstoffe werden angewendet, die möglicherweise giftiger sind als Glyphosat“, sagte der BfR-Präsident. Es werde jedenfalls „nicht automatisch mehr Insekten geben“, wenn auf Glyphosat verzichtet werde. „Vielleicht sogar im Gegenteil.“

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Reformationstag als Feiertag – Humanisten sind dagegen

links: Bildnis von Gewalt gegen Juden entstanden 1250 ;rechts: „Von den Juden und ihren Lügen“: mit dieser Schrift begann Martin Luthers Serie judenfeindlicher Schriften von 1543. Bild: zu-Daily.de
Wenn über die Feiertagskultur in Deutschland debattiert wird, hat dies unterschiedliche Aspekte. Im Vergleich der Bundesländer fällt ein Gefälle zwischen Süd- und Norddeutschland ins Auge: 12 bzw. 13 Feiertage in Bayern und Baden-Württemberg, 9 in Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Hamburg und Bremen. Politikerinnen und Politiker in Norddeutschland suchen nach einer Angleichung zwischen den Ländern und wollen einen weiteren Feiertag einführen.

Von Dr. Reinhard Hempelmann | EZW

In Schleswig-Holstein gilt es inzwischen als wahrscheinlich, dass der neue Feiertag der 31. Oktober, also der Reformationstag, sein wird. Das Kieler Votum wird auch die Entscheidungen in Hamburg und Niedersachsen beeinflussen. Im Vertrag der Großen Koalition in Niedersachsen wurde bereits festgeschrieben, dass ein weiterer gesetzlicher Feiertag eingeführt werden soll. Der Bürgermeister der Stadt Bremen, Carsten Sieling, möchte keine „Insellösung“. Er plädiert wie die Ministerpräsidenten von Niedersachsen und Schleswig-Holstein für den Reformationstag als weiteren Feiertag. Endgültige Entscheidungen sind noch nicht getroffen worden. 2017 war der 31. Oktober aufgrund des Reformationsjubiläums bundesweit Feiertag. Einiges spricht dafür, dass er in den norddeutschen Ländern jetzt eingeführt wird. Die eingeführte Tradition der neuen Bundesländer könnte auch in ganz Norddeutschland aufgegriffen werden.

Atheistischer und humanistischer Protest richtet sich nicht gegen die Absicht, einen neuen Feiertag einzuführen, wohl aber – und dies pointiert – gegen die Absichtserklärungen der Politik, ein Datum zu wählen, das mit dem Thema Reformation verbunden ist. In Bremen haben der Humanistische Verband Deutschlands (HVD), die Giordano Bruno Stiftung (gbs) und der Internationale Bund der Konfessionsfreien und Atheisten (IBKA) dem „konfessionsfreien Bürgermeister“ vorgehalten, er betreibe eine rückwärtsgewandte Politik („Verbeugung vor dem Mittelalter“) , er wolle den Reformator Martin Luther feiern, was nicht mehr zeitgemäß sei, die Politik scheue die Auseinandersetzung mit der in Bremen einflussreichen Evangelischen Kirche und mit den Evangelikalen, die hier besonders präsent seien.

Vertreterinnen und Vertreter des Humanistischen Verbandes in Niedersachsen beklagen die politische Ignoranz gegenüber der „säkulare(n) Position“. Ein Drittel der Bevölkerung Niedersachsens bliebe bei einem weiteren religiösen Feiertag unberücksichtigt. Ein neuer gesetzlicher Feiertag, so der HVD Niedersachsen, der Körperschaft des öffentlichen Rechts ist, müsse ein Tag sein, an dem alle einen Grund zum Feiern haben. Die Forderung lautet: kein religiöser konfessioneller Feiertag, sondern ein nichtreligiöser „Feiertag für alle“. Dies sei beispielsweise dann der Fall, wenn der 10. Dezember als Tag der Menschenrechte nicht nur 2018 in Erinnerung an 1948, sondern dauerhaft gefeiert werde.

Die Argumentation sogenannter säkularer Verbände bleibt dabei widersprüchlich. Wenn es um die christlichen Kirchen geht, wird mit dem Rückgang der Kirchenmitgliedschaft, also quantitativ argumentiert und es wird auf unübersehbare Pluralisierungsprozesse und die religiös-weltanschauliche Vielfalt verwiesen. Wenn es um den eigenen Verband geht, spielen Mitgliedszahlen keine Rolle. Diese sind verschwindend gering. Nur ca. 0,1 Prozent der Konfessionsfreien (25 000) sind in Deutschland in Weltanschauungsgemeinschaften organisiert. Für sich nimmt der Humanistische Verband in Anspruch, für alle Konfessionsfreien zu sprechen und pocht darauf, politisch mehr Beachtung zu finden. „Medienvertreter und Politiker müssen … die Faustregel verinnerlichen: ‚Wenn ich es für angebracht halte, Kirchenvertreter zu bestimmten Themen zu befragen, dann muss ich auch an den Rest denken, der zum allergrößten Teil nicht religiös ist und sich an humanistischen Werten orientiert.‘ Das sind wir Humanisten. Wir sind nicht Niemand.“

„Luther feiern ist nicht mehr zeitgemäß.“ Mit diesem Motto wird die Kritik gegenüber den politischen Absichten zum Ausdruck gebracht. Aus der Perspektive des HVD ist das Reformationsnarrativ verbunden mit Antisemitismus, Kirchenspaltung, Bauern- und Religionskriegen, Hexenverbrennungen, dem dreißigjährigen Krieg. „Luther ist eine historische Figur, die an diesen mittelalterlichen Ereignissen entscheidenden Anteil hatte. Mehr nicht.“ So pauschal wird im Blick auf die Reformation argumentiert. Keine Berücksichtigung findet in dieser Betrachtungsweise, dass mit der Reformation zahlreiche kulturelle, bildungsorientierte, religionsrechtliche, religiöse Impulse verbunden sind, die auch unabhängig von religiöser und weltanschaulicher Zugehörigkeit prägend sind. Die Geschichte vieler Städte Deutschlands und Europas lässt sich ohne Erinnerung an die Reformation nicht erzählen.

Humanistische Verbände sind von der Vision einer religionsfreien Gesellschaft bestimmt. Jedenfalls sind ihre politischen Forderungen im Blick auf die grundgesetzlich verankerte Feiertagskultur davon bestimmt. Der säkulare Rechtsstaat, der sich religionsfreundlich versteht, soll zum säkularisierenden Staat umgeprägt werden, der in der Feiertagskultur auf religiöse Bezüge möglichst verzichten soll. Die politische Antwort auf den fraglos wachsenden religiös-weltanschaulichen Pluralismus der Gegenwart muss keineswegs eine laizistische Verhältnisbestimmung zwischen Religion und Politik sein. Zukunftsfragen der Gesellschaft und ethische Orientierungen lassen sich von religiösen und weltanschaulichen Bezügen nicht loslösen. Auch „weltliche gesetzliche Feiertage“ können dirigistisch und exklusiv sein. Im Jahr des Jubiläums 2017 wurde vielfach deutlich, dass es kulturelle Gedächtnisgestalten reformatorischer Impulse ohne weltanschauliche Vereinnahmung gibt. Die Freiheit eines Christenmenschen fördert weltliche Freiheitsräume und eine Kultur der Besinnung und der Unterbrechung des Alltags. Die christlichen Kirchen haben sich zugleich auch der Aufgabe zu stellen, dem Traditionsabbruch entgegenzuwirken und Impulse der Reformation neu zu erinnern, zu entdecken und zu gestalten. Durch eine gelebte Fest- und Feiertagskultur tragen sie zur Humanisierung der Gesellschaft bei.

Tödliches „Höllentor“ im Römertempel

Tor zur Unterwelt: Dieser Eingang führt in das „Plutonium“ des Apollo-Tempels von Hierapolis. © Mach/ CC-by-sa 3.0
Rätselhafter Tod: Opfertiere, die im römischen Heiligtum von Hierapolis das „Tor zur Hölle“ durchschritten, starben wie von Geisterhand – nicht aber die sie begleitenden Priester. Was hinter diesem mysteriösen Phänomen steckt, haben nun Forscher herausgefunden: In der Grotte des Tempels tritt bis heute vulkanisches Kohlendioxid aus dem Boden. Nachts und am frühen Morgen erreicht dieses Gas tödliche Konzentrationen – aber nur bis etwa in Kniehöhe.

scinexx

Das „Tor zur Hölle“ im Heiligtum von Hierapolis in der heutigen Türkei war in der Antike berühmt. Denn jedes Opfertier, das durch diesen von Steinen ummauerten Eingang geführt wurde, starb durch dem „Atem der Unterwelt“ – es sackte bereits im Vorhof zum „Plutonium“, einer unterirdischen Grotte, in sich zusammen. Seltsamerweise jedoch schienen die Priester – allesamt Eunuchen – immun gegen den Todeshauch aus der Unterwelt. Für die Menschen der Antike grenzte dies an ein Wunder.

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Tödliche Fake-News in Zentralafrika

Falschnachrichten können in Zentralafrika wie ein Zündholz wirken, das in ein Pulverfass geworfen wird. Im Bild: Intern Vertriebene auf dem Weg in den Norden des Landes. (Bild: Siegfried Modola / Reuters)
In dem Krisenland können Falschmeldungen zu Panik und Gewaltausbrüchen führen. Umso wichtiger sind seriöse Medien wie Radio Ndeke Luka.

Von David Signer | Neue Zürcher Zeitung

Zentralafrika ist eines der ärmsten Länder der Welt; die Hälfte der Bevölkerung ist von humanitärer Hälfte abhängig. Da könnte man meinen, es gäbe Wichtigeres als funktionierende Medien. Alexandre Delvaux ist da anderer Meinung. «Falschmeldungen sind in so einem explosiven Umfeld hochgefährlich», sagt er. «Das Gerücht, Rebellen hätten angegriffen, kann Panik und Rache auslösen. Manchmal sind News tödlich.» Delvaux ist der Repräsentant der Fondation Hirondelle in Zentralafrika. Die schweizerische Stiftung fördert die Etablierung unabhängiger Medien in Krisengebieten. In der Hauptstadt Bangui hat Hirondelle im Jahr 2000 Radio Ndeke Luka gegründet. Es zählt vierzig Mitarbeiter und ist das beliebteste Medium in Zentralafrika. In einem Land, in dem siebzig Prozent der Bewohner Analphabeten seien, ersetze das Radio in gewisser Hinsicht die Schule, sagt Delvaux.

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Die neue BND-Zentrale und ihre Nachbarn

Die BND-Zentrale. Kritiker sagen, sie sei ein abgeschirmter Bau, der den Stadtteil regelrecht zerschneidet.Foto: imago/PEMAX
135000 Kubikmeter Beton, 20000 Tonnen Stahl, abgeschottet von der Umgebung. Die Zentrale des Bundesnachrichtendienstes spaltet das Viertel an der Berliner Chausseestraße. In Alte und Neue, Gewinner und Verlierer.

Von Hannes Soltau | DER TAGESSPIEGEL

Ein hoher Zaun, gesichert und überwacht. Die andere Seite unerreichbar. Es ist ein Bild, das Werner Jacob aus seiner Kindheit kennt. Nur wenige Schritte von seinem Elternhaus entfernt, begann damals der Todesstreifen. Und vor der Haustür lag das „Ende der Welt“, wie Jacob es heute ausdrückt.

Knapp drei Jahrzehnte später teilt wieder ein Bauwerk seine Nachbarschaft. 36 Fußballfelder groß, 283 Meter lang erstreckt sich die dreiflügelige neue Zentrale des Bundesnachrichtendienstes längs der Chausseestraße in der Nordwestecke des Berliner Ortsteils Mitte. Eine Häuserreihe versperrt zwar Jacobs Blick aus dem Fenster auf den Neubau, doch nur 50 Meter Luftlinie trennen ihn von den „Schlapphüten“. So nennt Jacob seine neuen Nachbarn.

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Gutachten: Tatverdächtiger von Kandel ist älter als gedacht

Justitia Skulptur (CC-by-nc-sa/3.0 by Luc Viatour)

Der mutmaßliche Mörder der 15-jährigen Mia aus Kandel ist einem Gutachten zufolge älter als bisher angenommen

Frankfurter Rundschau

Demnach ist der Ex-Freund des am 27. Dezember in einem Drogeriemarkt erstochenen Mädchens wahrscheinlich etwa 20 Jahre alt, wie die Staatsanwaltschaft Landau mitteilte. Bislang hatte der Flüchtling aus Afghanistan als 15 Jahre alt gegolten. Das Alter des Verdächtigen ist wichtig für ein späteres Gerichtsverfahren. Ob Erwachsenen- oder Jugendstrafrecht angewendet wird, beeinflusst etwa das Strafmaß bei einer Verurteilung.

Warum in Deutschland immer noch Babys sterben

Die Versorgung von Frühchen braucht viel Erfahrung. (Foto: Alessandra Schellnegger)
Laut einer neuen Statistik ist die Säuglingssterblichkeit in Deutschland höher als zum Beispiel in Japan oder Island. Geburtsmediziner Uwe Hasbargen über vermeidbare Todesursachen und die Verniedlichung der Geburt.

Von Berit Uhlmann | Süddeutsche Zeitung

2,6 Millionen Kinder sterben jährlich in den ersten vier Lebenswochen, heißt es in einem Bericht von Unicef. In Deutschland überleben etwa zwei von 1000 Neugeborenen den ersten Monat nicht. Verglichen mit Entwicklungsländern ist das ein sehr guter Wert, doch es gibt einige Industrienationen, die in der Statistik noch deutlich vor der Bundesrepublik liegen. Wie ein Teil der Todesfälle vermieden werden könnte, erläutert Uwe Hasbargen, Leiter des Perinatalzentrums der LMU München. Das Zentrum umfasst Geburtshilfe, pränatale Diagnostik sowie Neu- und Frühgeborenenstationen.

SZ: Deutschland schneidet in der jüngsten Unicef-Statistik zur Säuglingssterblichkeit schlechter ab als beispielsweise Japan oder Island. Liegt das an der Medizin oder an der Statistik?

Uwe Hasbargen: Ich kann Ihnen nicht sagen, wie die Geburtshilfe in Japan organisiert ist oder welche Gepflogenheiten dort herrschen. Prinzipiell aber kann es in internationalen Vergleichen zu Verzerrungen kommen. In einigen Ländern werden extreme Frühchen, die vor der 25. Woche zur Welt kommen, von vornherein als nicht lebensfähig erachtet und die Geburt so geleitet, dass sie tot geboren werden. Sie werden in der Sterblichkeitsstatistik nicht berücksichtigt. In Deutschland bemühen sich die Ärzte, wenn Eltern das wollen, mit allen Mitteln um diese Kinder. Leider sterben einige von ihnen trotzdem – und tauchen in der Statistik auf.

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Dodo Marx: „Von Segnung homosexueller Paare habe ich nicht gesprochen“

Reinhard Marx, Chef der Deutschen Bischofskonferenz,

Münchner Erzbischof rudert bei Pressegespräch zurück und dementiert jetzt, dass er sich für die Segnung homosexueller Paare ausgesprochen habe

kath.net

Der Münchner Erzbischof Reinhard Kardinal Marx hat dementiert, dass er sich für die Segnung homosexueller Paare ausgesprochen habe. Dies berichtet das „Domradio“. Marx erklärte, dass er bei einem Radiointerview auf eine entsprechende Frage geantwortet habe, dass es seelsorgliche Begleitung von Homosexuellen geben müsse und dass er sich „im Einzelfall“ auch einen „geistlichen Zuspruch“ vorstellen könne. Der DBK-Vorsitzende bedauere, dass jetzt „polarisiert“ werde und die „ganz großen Kanonen“ rausgeholt würden. Er möchte das nicht kommentieren. Die Bischofs-Kommission „Pastorale Aufgaben“ sei laut Marx damit beauftragt, über dieses Thema nachzudenken.

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Der Totengräber von Zarzis

Bild. qantara.de
Jedes Jahr werden an die tunesische Küste tote Mittelmeer-Flüchtlinge angespült. Ein Mann versucht, ihnen mit würdigen Begräbnissen Respekt zu zollen – was ihnen im Leben oft verwehrt blieb.

Von Sarah Mersch | Qantara.de

Chemseddine Marzoug packt noch schnell zwei Flaschen Wasser ein, bevor er an der Ausfallstraße Richtung Süden in einen holprigen Feldweg einbiegt, der sich mehrere hundert Meter durch einen Olivenhain und brachliegende Felder zieht. Am Rande einer ehemaligen Müllhalde ragt ein Schild hervor: „Friedhof der Unbekannten“ steht in einem halben Dutzend Sprachen dort geschrieben.

Mehr als 350 Leichen hat er in den letzten zehn Jahren begraben. Dieses Jahr waren es schon 74. Und Marzoug fürchtet, dass es noch mehr werden. „Im Winter, wenn der Ostwind einsetzt, dann werden immer besonders viele Tote im Golf von Zarzis angeschwemmt.“

Rund 50 Kilometer liegen zwischen der Kleinstadt an der tunesischen Südküste und der Grenze zu Libyen. Von dort legen regelmäßig Flüchtlingsboote ab, um nach Europa zu gelangen. Und regelmäßig geraten die Todesschiffe, wie Marzoug sie nennt, in Seenot, sinken oder kentern. Wenn die Passagiere Glück haben, werden sie von Booten von Nichtregierungsorganisationen oder der Marine einer der Anrainerstaaten gerettet. „Wenn nicht, dann kommen sie zu mir.“

Jedes Grab hat eine Geschichte

Der 52-Jährige mit den grau-melierten Haaren stapft zwischen den anonymen Gräbern lang. Immer wieder bleibt er nachdenklich stehen, bückt sich, um mit dem mitgebrachten Wasser die Blumen zu gießen, die er auf die bloßen Erdhügel gepflanzt hat. Auch zwei Kinder hat er hier bestattet, auf ihren Gräbern liegen Legosteine und Spielzeugautos. Zu jedem Grab gibt es eine Geschichte, auch wenn der Ehrenamtliche des tunesischen Roten Halbmonds die Namen und die Herkunft der Verstorbenen nicht kennt.

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Island: Juden und Muslime protestieren gegen mögliches Beschneidungsverbot

Ein Urologe nimmt in einer Berliner Klinik eine Beschneidung an einem zweijährigen Jungen vor. (picture alliance / dpa / Kay Nietfeld)
Jüdische und muslimische Verbände haben eine Gesetzesinitiative des isländischen Parlaments für ein Beschneidungsverbot scharf kritisiert.

Dlf24

Der Gesetzesentwurf richtet sich gegen Beschneidung aus nicht-medizinischen Gründen und sieht eine sechsjährige Gefängnisstrafe vor, berichtet der britische Sender BBC. Das isländische Parlament begründet die Initiative damit, dass die Praxis das Recht des Kindes auf Unversehrtheit verletze. Der bleibende Eingriff könne schwere Schmerzen verursachen.

Jüdische und muslimische Geistliche sehen in dem Gesetz dagegen einen Angriff auf die Religionsfreiheit. Die Präsidenten der jüdischen Gemeinden Norwegens, Dänemarks, Schwedens und Finnlands betonten die Bedeutung des für ihre Religion „zentralsten Brauchs“. Das Judentum werde auf eine Art und Weise angegriffen, die Juden in der ganzen Welt betreffe. Auch ein Imam des Islamischen Kulturzentrums in Island nannte die Beschneidung einen wichtigen Bestandteil des muslimischen Glaubens. Die Bischöfin von Reykjavik warnte, Juden und Muslime könnten sich in Island unerwünscht fühlen. Das Gesetz sei geeignet, die Religionen zu kriminalisieren.

Von den knapp 350.000 Einwohnern Islands sind etwa 250 jüdischen und etwa 1.500 muslimischen Glaubens. Sollte das Gesetz beschlossen werden, wäre Island das erste europäische Land mit einem Beschneidungsverbot.

In Deutschland hatte das Kölner Landgericht 2012 eine medizinisch nicht begründete Beschneidung bei neugeborenen Jungen als strafbare Körperverletzung bewertet. Das Urteil löste eine breite Diskussion aus, die mit einem Gesetz endete, das Beschneidungen von Jungen auch aus religiösen Gründen weiter erlaubt.

A Top-Secret US Military Base Will Melt Out of the Greenland Ice Sheet

Nuclear reactors at Camp Century in Greenland. Image: US Army/Wikimedia Commons
Planners thought it would stay buried in ice forever.

Kate Lunau | MOTHERBOARD

About 60 years ago, at the height of the Cold War, the US designed a network of top-secret mobile nuclear launch sites buried in the Greenland ice sheet to prepare for possible war with the Soviet Union. At Camp Century, which was part of Project Iceworm, soldiers lived in the ice, which enclosed the base so it wouldn’t be completely buried in snow.

Camp Century was shut down in 1967, and the site was abandoned as Project Iceworm wound down. Back then, military planners assumed the hazardous stuff buried at Camp Century—including diesel fuel, PCBs, and some radioactive coolant—would stay locked up in the Greenland ice sheet, essentially forever. But now Greenland is warming because of climate change. Dangerous contaminants threaten to re-emerge from the ice, potentially putting people in Greenland and maybe as far away as Arctic Canada (400 km offshore) at risk.

Camp Century isn’t the only US military installation abroad that’s increasingly threatened by climate change. A Pentagon report from earlier this year, for example, noted that half of all US bases worldwide could be at risk. But Project Iceworm is a useful case study, argues Jeff Colgan, associate professor of political science and international studies at Brown University, who’s studied this in detail. That’s partly because the question of who should take responsibility for Camp Century has become such a political hot potato. According to him, at this point it isn’t clear exactly who is responsible for cleaning it up.

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