Der Totengräber von Zarzis


Bild. qantara.de
Jedes Jahr werden an die tunesische Küste tote Mittelmeer-Flüchtlinge angespült. Ein Mann versucht, ihnen mit würdigen Begräbnissen Respekt zu zollen – was ihnen im Leben oft verwehrt blieb.

Von Sarah Mersch | Qantara.de

Chemseddine Marzoug packt noch schnell zwei Flaschen Wasser ein, bevor er an der Ausfallstraße Richtung Süden in einen holprigen Feldweg einbiegt, der sich mehrere hundert Meter durch einen Olivenhain und brachliegende Felder zieht. Am Rande einer ehemaligen Müllhalde ragt ein Schild hervor: „Friedhof der Unbekannten“ steht in einem halben Dutzend Sprachen dort geschrieben.

Mehr als 350 Leichen hat er in den letzten zehn Jahren begraben. Dieses Jahr waren es schon 74. Und Marzoug fürchtet, dass es noch mehr werden. „Im Winter, wenn der Ostwind einsetzt, dann werden immer besonders viele Tote im Golf von Zarzis angeschwemmt.“

Rund 50 Kilometer liegen zwischen der Kleinstadt an der tunesischen Südküste und der Grenze zu Libyen. Von dort legen regelmäßig Flüchtlingsboote ab, um nach Europa zu gelangen. Und regelmäßig geraten die Todesschiffe, wie Marzoug sie nennt, in Seenot, sinken oder kentern. Wenn die Passagiere Glück haben, werden sie von Booten von Nichtregierungsorganisationen oder der Marine einer der Anrainerstaaten gerettet. „Wenn nicht, dann kommen sie zu mir.“

Jedes Grab hat eine Geschichte

Der 52-Jährige mit den grau-melierten Haaren stapft zwischen den anonymen Gräbern lang. Immer wieder bleibt er nachdenklich stehen, bückt sich, um mit dem mitgebrachten Wasser die Blumen zu gießen, die er auf die bloßen Erdhügel gepflanzt hat. Auch zwei Kinder hat er hier bestattet, auf ihren Gräbern liegen Legosteine und Spielzeugautos. Zu jedem Grab gibt es eine Geschichte, auch wenn der Ehrenamtliche des tunesischen Roten Halbmonds die Namen und die Herkunft der Verstorbenen nicht kennt.

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