Reformationstag als Feiertag – Humanisten sind dagegen


links: Bildnis von Gewalt gegen Juden entstanden 1250 ;rechts: „Von den Juden und ihren Lügen“: mit dieser Schrift begann Martin Luthers Serie judenfeindlicher Schriften von 1543. Bild: zu-Daily.de
Wenn über die Feiertagskultur in Deutschland debattiert wird, hat dies unterschiedliche Aspekte. Im Vergleich der Bundesländer fällt ein Gefälle zwischen Süd- und Norddeutschland ins Auge: 12 bzw. 13 Feiertage in Bayern und Baden-Württemberg, 9 in Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Hamburg und Bremen. Politikerinnen und Politiker in Norddeutschland suchen nach einer Angleichung zwischen den Ländern und wollen einen weiteren Feiertag einführen.

Von Dr. Reinhard Hempelmann | EZW

In Schleswig-Holstein gilt es inzwischen als wahrscheinlich, dass der neue Feiertag der 31. Oktober, also der Reformationstag, sein wird. Das Kieler Votum wird auch die Entscheidungen in Hamburg und Niedersachsen beeinflussen. Im Vertrag der Großen Koalition in Niedersachsen wurde bereits festgeschrieben, dass ein weiterer gesetzlicher Feiertag eingeführt werden soll. Der Bürgermeister der Stadt Bremen, Carsten Sieling, möchte keine „Insellösung“. Er plädiert wie die Ministerpräsidenten von Niedersachsen und Schleswig-Holstein für den Reformationstag als weiteren Feiertag. Endgültige Entscheidungen sind noch nicht getroffen worden. 2017 war der 31. Oktober aufgrund des Reformationsjubiläums bundesweit Feiertag. Einiges spricht dafür, dass er in den norddeutschen Ländern jetzt eingeführt wird. Die eingeführte Tradition der neuen Bundesländer könnte auch in ganz Norddeutschland aufgegriffen werden.

Atheistischer und humanistischer Protest richtet sich nicht gegen die Absicht, einen neuen Feiertag einzuführen, wohl aber – und dies pointiert – gegen die Absichtserklärungen der Politik, ein Datum zu wählen, das mit dem Thema Reformation verbunden ist. In Bremen haben der Humanistische Verband Deutschlands (HVD), die Giordano Bruno Stiftung (gbs) und der Internationale Bund der Konfessionsfreien und Atheisten (IBKA) dem „konfessionsfreien Bürgermeister“ vorgehalten, er betreibe eine rückwärtsgewandte Politik („Verbeugung vor dem Mittelalter“) , er wolle den Reformator Martin Luther feiern, was nicht mehr zeitgemäß sei, die Politik scheue die Auseinandersetzung mit der in Bremen einflussreichen Evangelischen Kirche und mit den Evangelikalen, die hier besonders präsent seien.

Vertreterinnen und Vertreter des Humanistischen Verbandes in Niedersachsen beklagen die politische Ignoranz gegenüber der „säkulare(n) Position“. Ein Drittel der Bevölkerung Niedersachsens bliebe bei einem weiteren religiösen Feiertag unberücksichtigt. Ein neuer gesetzlicher Feiertag, so der HVD Niedersachsen, der Körperschaft des öffentlichen Rechts ist, müsse ein Tag sein, an dem alle einen Grund zum Feiern haben. Die Forderung lautet: kein religiöser konfessioneller Feiertag, sondern ein nichtreligiöser „Feiertag für alle“. Dies sei beispielsweise dann der Fall, wenn der 10. Dezember als Tag der Menschenrechte nicht nur 2018 in Erinnerung an 1948, sondern dauerhaft gefeiert werde.

Die Argumentation sogenannter säkularer Verbände bleibt dabei widersprüchlich. Wenn es um die christlichen Kirchen geht, wird mit dem Rückgang der Kirchenmitgliedschaft, also quantitativ argumentiert und es wird auf unübersehbare Pluralisierungsprozesse und die religiös-weltanschauliche Vielfalt verwiesen. Wenn es um den eigenen Verband geht, spielen Mitgliedszahlen keine Rolle. Diese sind verschwindend gering. Nur ca. 0,1 Prozent der Konfessionsfreien (25 000) sind in Deutschland in Weltanschauungsgemeinschaften organisiert. Für sich nimmt der Humanistische Verband in Anspruch, für alle Konfessionsfreien zu sprechen und pocht darauf, politisch mehr Beachtung zu finden. „Medienvertreter und Politiker müssen … die Faustregel verinnerlichen: ‚Wenn ich es für angebracht halte, Kirchenvertreter zu bestimmten Themen zu befragen, dann muss ich auch an den Rest denken, der zum allergrößten Teil nicht religiös ist und sich an humanistischen Werten orientiert.‘ Das sind wir Humanisten. Wir sind nicht Niemand.“

„Luther feiern ist nicht mehr zeitgemäß.“ Mit diesem Motto wird die Kritik gegenüber den politischen Absichten zum Ausdruck gebracht. Aus der Perspektive des HVD ist das Reformationsnarrativ verbunden mit Antisemitismus, Kirchenspaltung, Bauern- und Religionskriegen, Hexenverbrennungen, dem dreißigjährigen Krieg. „Luther ist eine historische Figur, die an diesen mittelalterlichen Ereignissen entscheidenden Anteil hatte. Mehr nicht.“ So pauschal wird im Blick auf die Reformation argumentiert. Keine Berücksichtigung findet in dieser Betrachtungsweise, dass mit der Reformation zahlreiche kulturelle, bildungsorientierte, religionsrechtliche, religiöse Impulse verbunden sind, die auch unabhängig von religiöser und weltanschaulicher Zugehörigkeit prägend sind. Die Geschichte vieler Städte Deutschlands und Europas lässt sich ohne Erinnerung an die Reformation nicht erzählen.

Humanistische Verbände sind von der Vision einer religionsfreien Gesellschaft bestimmt. Jedenfalls sind ihre politischen Forderungen im Blick auf die grundgesetzlich verankerte Feiertagskultur davon bestimmt. Der säkulare Rechtsstaat, der sich religionsfreundlich versteht, soll zum säkularisierenden Staat umgeprägt werden, der in der Feiertagskultur auf religiöse Bezüge möglichst verzichten soll. Die politische Antwort auf den fraglos wachsenden religiös-weltanschaulichen Pluralismus der Gegenwart muss keineswegs eine laizistische Verhältnisbestimmung zwischen Religion und Politik sein. Zukunftsfragen der Gesellschaft und ethische Orientierungen lassen sich von religiösen und weltanschaulichen Bezügen nicht loslösen. Auch „weltliche gesetzliche Feiertage“ können dirigistisch und exklusiv sein. Im Jahr des Jubiläums 2017 wurde vielfach deutlich, dass es kulturelle Gedächtnisgestalten reformatorischer Impulse ohne weltanschauliche Vereinnahmung gibt. Die Freiheit eines Christenmenschen fördert weltliche Freiheitsräume und eine Kultur der Besinnung und der Unterbrechung des Alltags. Die christlichen Kirchen haben sich zugleich auch der Aufgabe zu stellen, dem Traditionsabbruch entgegenzuwirken und Impulse der Reformation neu zu erinnern, zu entdecken und zu gestalten. Durch eine gelebte Fest- und Feiertagskultur tragen sie zur Humanisierung der Gesellschaft bei.