Hitler, menschliche Gehirne und entspannte Paviane


Bild: AG EvoBio

Sind Menschen nette oder unangenehme Primaten? Wie entstehen nette Menschen? Wie entstehen unangenehme Menschen? Wie entstehen normale Menschen, die mal nett und mal unangenehm sind? Was lässt die normalen Menschen sich mal nett, mal unangenehm verhalten? Sind die Gene dafür verantwortlich? Sind die Gehirnstrukturen schuld? Oder ist alles von der Kultur beeinflusst?

Von Steffen Münzberg | AG EvoBio

SAPOLSKY möchte in diesem Buch zeigen, wie stark unsere Persönlichkeit von Gehirnstrukturen geprägt wird und wie die Kultur unser Verhalten beeinflusst. Das menschliche Gehirn ist ein soziales Gehirn, das evolutionär für das Gruppenleben geformt wurde. Das Buch beschreibt, über welche Mechanismen die soziale Kultur in unsere Gehirne hinein wirkt und – das ist neu! – wie die Kultur über Kindheitserfahrungen sogar einige Gehirnstrukturen formt. SAPOLSKY bleibt immer hart an den wissenschaftlichen Versuchsergebnissen und gestattet sich nur wenige Thesen über die Funktionsweise verschiedener Kulturen. Dieses Buch verkleinert die noch weit klaffende Lücke zwischen Natur- und Geisteswissenschaften ein wenig. Dieses Buch ist ein schönes Beispiel, wie die Wirkung von biologischen Dingen auf das menschliche soziale Leben gut dargestellt werden kann, ohne in Biologismus zu verfallen. Noch nie gab es eine solch kompakte Darstellung der Gehirn-Zusammenhänge, die über mehrere Organisationsebene der Materie reicht – von den Genen über die Evolution, das Gehirn und die Gruppen bis hin zur Kultur.

Der Neurowissenschaftler und Primatologe Robert SAPOLSKY beginnt das Buch mit seinem Hass auf Adolf Hitler, dessen willige Helfer viele Verwandte SAPOLSKYs getötet hatten. SAPOLSKY stellt die Frage: Wieso sind so viele Menschen Hitler gefolgt? Was findet in Menschen statt, die autoritären Ideologien folgen?

Das menschliche Gehirn entscheidet über das Handeln des Menschen. Im Gehirn stoßen Biologie und Kultur zusammen. Zusammen lassen Biologie und Kultur den Menschen agieren. Alle Überlegungen, warum ein Mensch wie handelt, müssen mit dessen Gehirn beginnen. Die Struktur des Buches folgt diesem Gedanken und beginnt mit der Beschreibung augenblicklicher Entscheidungen und Handlungen, um dann zeitlich immer weiter zurückzugehen, um die verschiedenen Ursachen des Handelns zu beleuchten.

Wer denkt denn da?

Zuerst geht es darum: Welche Gehirnteile tut was? Wie interagieren die Gehirnteile miteinander? Als nächstes geht es darum, was die Gehirnteile in den letzten Minuten, Tagen und Monaten beeinflusst hat. Wie hat sich das Erlebte auf die Gehirnteile ausgewirkt? Dann wird betrachtet, wie sich das Gehirn in Pubertät, Kindheit und Schwangerschaft entwickelt. Welche äußeren und welche genetischen Einflüsse formen die Gehirne? Und wie formte die Evolution die Gene, die wiederum unsere Gehirne formen?

Das menschliche Gehirn ist ein soziales Gehirn. Wie die Gehirne vieler anderer Primaten. Viele Gehirnfunktionen sind für das Zusammenleben mit vielen Gruppenmitgliedern herausgebildet worden. Wer war mal nett zu mir? Wer hatte mir mal die Beeren geklaut? Wer hat mich bei meinem Paarungsversuch gestört? Wer hat mir mal bei einer Keilerei geholfen? Wer sind die Freunde und Verwandte dieser netten oder unangenehmen Primaten? Unser Gehirn führt Buch über all das, was uns widerfährt und vom wem es uns widerfährt.

Mein Gehirn und die Anderen

Unser soziales Gehirn liebt es, in Gruppen-Kategorien zu denken: Meine Gruppe = alles tolle Typen, andere Gruppe = alle doof. SAPOLSKY zeigt in seinem Buch, wie dieses Gruppendenken im Gehirn arbeitet. Er zeigt an vielen interessanten Beispielen, wie durch Schlüsselworte, Umgebungsbedingungen und vorangegangene Ereignisse unser Gruppendenken beeinflusst wird. Wenn wir auf einem harten Stuhl sitzen, empfinden wir Menschen der anderen Gruppe unangenehmer, als wenn wir unseren Allerwertesten auf einem weichen Sessel positioniert haben. Unsere Vorliebe für Sauberkeit und unsere Angst vor Parasiten werden manchmal zur Manipulation unseres Gruppenverhaltens missbraucht. SAPOLSKY meint: „Traue niemandem, der die Anderen als Ratten oder Schaben bezeichnet!“.

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