„Wissenschaftsethisch halte ich diesen ganzen Verharmlosungsdiskurs für eine Katastrophe“


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Das „Diesel-Urteil“ des Bundesverwaltungsgerichts und die Wissenschaft. Interview mit Wolfgang Hien vom Bremer Forschungsbüro für Arbeit, Gesundheit und Biographie

Peter Nowak | TELEPOLIS

Telepolis sprach mit Wolfgang Hien vom Bremer Forschungsbüro für Arbeit, Gesundheit und Biographie. Hien beschäftigt sich mit Gesundheitsbelastungen innerhalb der Wohn- und Arbeitswelt. Im VSA-Verlag ist sein Buch „Kranke Arbeitswelt“ erschienen.

Hat nicht auch die Umweltwissenschaft versagt, wenn ein Gericht und die Deutsche Umwelthilfe die tägliche Vergiftung im Straßenverkehr auf die Agenda setzen?

Wolfgang Hien: Ich möchte vorausschicken, dass es sehr wohl Wissenschaftler gibt, die die Risiken sehen. Über die rede ich jetzt nicht. Ich rede über die vielen sich zum Gutachter für Umweltfragen gerierenden Arbeitsmediziner, die die Risiken herunterreden. Das war nicht nur ein Doktor Michael Spallek von VW.

Das ist der ehemalige MAK-Vorsitzende Professor Helmut Greim, der schon im letzten Jahr in einem großen Gutachten die Gesundheitsgefahren der Dieselabgase heruntergespielt hat. Es gebe, so Greim, derart viele Einflussfaktoren auf die Gesundheit, dass es nicht möglich sei, NOx und Feinstäube – die ja immerhin krebserzeugende PAK (Polyzyklische Aromatische Kohlenwasserstoffe) enthalten – als Erzeuger von Lungenkrankheiten und sonstigen schweren Erkrankungen, die erst Jahre oder Jahrzehnte später eintreten können, „dingfest“ zu machen.
Auch viele weitere hochrangige Arbeitsmediziner meldeten sich in den letzten Wochen zu Wort und – im O-Ton – „warnen vor einer Dramatisierung der angeblichen Gesundheitsgefahren durch Dieselabgase“, so z.B. Prof. Hans Drexler aus Erlangen.