Die Wahrheit säuft in unserer Diskussionkultur ab


Wissenschaftler sollen die Shitstorm-Piloten und Streithennen dieser Welt inspirieren? Das wird nicht klappen. (Foto: Alessandra Schellnegger)
Wissenschaftler werden mal wieder aufgefordert, Debatten anzustoßen. Ein nutzloses Ritual: Die Forschung findet keine Sprache, um in den hitzigen Auseinandersetzungen von heute gehört zu werden.

Von Sebastian Herrmann | Süddeutsche Zeitung

Angeblich leben wir ja in einer Wissensgesellschaft – aber wir wissen nicht einmal, wie wir miteinander reden sollen. Statt Argumente auszutauschen, schreien sich die Teilnehmer der täglichen Wortgefechte gegenseitig an und übertreffen sich darin, einander als Unmensch zu beschimpfen. Alles ist von Empörung getrieben – und wer in diesem Klima ein nüchternes Argument in den Raum stellt, über das die Zuhörer auch noch etwas nachdenken müssen, kann gleich stumm bleiben: Im besten Fall hört ihm niemand zu, im schlimmsten Fall fühlt sich jemand auf die Füße getreten und dann regen sich wieder alle auf.

Das mag eine recht düstere Sicht der derzeitigen Debattenkultur sein, die in ihrer überspitzten Form bei Twitter, Facebook oder in der Fernseh-Talkshow-Ödnis gepflegt wird. Doch es ist die Arena, in der ausgerechnet Wissenschaftler begeistern sollen. Gerade hat das World Economic Forum einen Ethik-Code für junge Forscher veröffentlicht, an dessen erster Stelle – mal wieder – gefordert wird, mit der Öffentlichkeit in Austausch zu treten, die eigene Arbeit zu erklären, in einen gesellschaftlichen Rahmen einzubetten und Debatten anzustoßen. Laborbesatzungen sollen die Shitstorm-Piloten und Streithennen dieser Welt inspirieren? Klar, das ist richtig, das sollte geschehen und doch löst die Forderung nur zynische Resignation aus: Es wird nicht klappen.

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