Weshalb linke Politik nicht antireligiös sein sollte – regressive Begründung


Religionen sind ambivalent – wie jede andere Weltanschauung auch. Religionen haben emanzipatorische Seiten und ebenso autoritäre Seiten. Sie können auf Befreiung drängen und sie können Herrschafts- und Unterdrückungsintrument sein. Es gibt christliche Fundamentalisten ebenso wie islamische. Beide versuchen Menschen in eine enges Korsett von Reglementierung zu zwängen und stabilisieren damit bestimmte Herrschaftsverhältnisse.

Von Jürgen Klute | Die Freiheitsliebe

Aber es gibt ebenso auch die religiösen Sozialisten und die Theologie der Befreiung. Die christlichen Basisgemeinden in Lateinamerika haben wesentlich zur Überwindung der rechten Diktaturen in Lateinamerika in den letzen Jahrzehnten beigetragen, sie haben für Menschenrechte, für soziale und individuelle, gekämpft. Dass die Herrschenden versuchen, Einfluss auf diese emanzipatorischen Traditionen zu bekommen, um sie in ihrem Sinne umzudeuten, sollte nicht überraschen. Ähnliche Prozesse gab und gibt es ja auch in linken Parteien und Organisationen.

Religiös zu sein schließt also keineswegs aus, kapitalistische Produktionsverhältnisse zu kritisieren, sich für soziale Gerechtigkeit, für Frieden, Demokratie und Umweltschutz einzusetzen, also für eine Verbesserung der Lebensverhältnisse und für emanzipatorische Projekte. Das sind Schnittmengen zum politischen Programm der Linken.

Unter der Voraussetzung, dass demokratische Parteien keine Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaften sind, sondern politische Interessengemeinschaften, die gemeinsame Ziele verfolgen und gesellschaftlich mehrheitsfähig machen wollen, macht es keinen Sinn, als linke Partei eine antireligiöse Position einzunehmen. Damit grenzt man lediglich mögliche politische Bündnispartner aus, die man für politische Veränderungen aber dringend braucht. Mit einer Ausgrenzung von Bündnispartnern bedient man letztlich die Interessen derjenigen, die den status quo nicht geändert haben wollen.

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