Islamismus: ein Hurrikan der Hässlichkeit


Die Schönheit auf dem «Ain El Fouara» genannten Brunnen hat die Bewohner des algerischen Sétif über hundert Jahre lang erfreut. Jetzt ist sie übel entstellt.(Bild: Roger Viollet / Keystone)
Laut einem berühmten Hadith liebt Gott die Schönheit. Doch fundamentalistische Strömungen im gegenwärtigen Islam wollen davon nichts wissen – und das hat schwerwiegende Folgen für die arabischen Gesellschaften.

Beat Stauffer | Neue Zürcher Zeitung

Mit Hammer und Meissel attackiert der junge Mann Gesicht und Brustpartie einer Statue des französischen Künstlers Francis de Saint Vidal, die im algerischen Sétif seit 1898 eine Brunnenanlage schmückt. Das lange, weisse Hemd und das Gebetskäppchen machen den Täter unschwer als Islamisten kenntlich. Der Vorfall liegt wenige Wochen zurück und hat die Sétifiens im höchsten Mass entsetzt: Die steinerne Dame mit den üppigen Kurven war in den vergangenen Jahrzehnten nachgerade zum Symbol der Provinzstadt geworden.

Die Attacke mag als Tat eines gestörten Individuums gelesen werden, das in einer äusserst engen, binären Welt lebt, die nur halal oder haram, «erlaubt» und «verboten», kennt und die in einer solchen Statue nicht mehr sieht als eine Ausgeburt westlicher Schamlosigkeit und Dekadenz. Doch dahinter steht ein schleichendes Phänomen von ganz anderen Dimensionen, das alle Staaten des Maghreb gleichermassen betrifft. Es handelt sich um die Ausbreitung einer Weltsicht, die der Schönheit und Harmonie von Kleidung und Körper, von Architektur und Städtebau, von Landschaft und Kunst keinerlei Bedeutung beimisst und die sich oft aktiv an der Zerstörung bedeutender Kulturgüter beteiligt.

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