Was haben Rechtsextreme und Islamisten gemeinsam?


Rechtsextreme protesieren auf einem Aufmarsch gegen Islamisten – dabei haben beide viele Gemeinsamkeiten, sagt Julia Ebner. (imago/Ralph Peters)
Befinden wir uns im Zeitalter der Wut? Angesichts des Zulaufs bei Rechtsextremen und Islamisten haben viele diesen Eindruck. Zwischen beiden Gruppierungen gibt es erstaunliche Gemeinsamkeiten, sagt Extremismusforscherin Julia Ebner.

Moderation: Christian Rabhansl | Deutschlandfunk Kultur

Unvereinbar stehen sich Rechtsextreme und Islamisten gegenüber. Und sind sich doch ganz ähnlich, sagt die Extremismusforscherin Julia Ebner. Sie analysiert die Gemeinsamkeiten von Islamisten und Rechtsextremen und stellt fest: Die Rhetorik, die Strategien und auch die Ziele sind oft deckungsgleich. Beide Seiten sehen sich selbst in einer Opferrolle und dämonisieren die jeweils anderen. Beide Seiten wollen die Gesellschaft spalten. Und beide Seiten forcieren einen „Kampf der Kulturen“.

Im Gespräch mit Christian Rabhansl sucht Julia Ebner nach Antworten: Wie lässt sich verhindern, dass sich die Prophezeiung eines „Endkampfes“ selbst erfüllt? Welche Rollen spielen Politik und Medien in diesem Wechselspiel der Radikalisierung? Und wie lässt sich das „Zeitalter der Wut“ überwinden?

Deutschlandfunk Kultur: Unvereinbar stehen sich Rechtsextreme und Islamisten gegenüber. So sieht es aus – scheinbar. Aber sie brauchen sich gegenseitig und sie benutzen einander. – Diese These formuliert die Extremismusforscherin Julia Ebner in ihrem Buch mit dem Titel: „Wut“. Sie schreibt sogar: Islamisten und Rechtsextreme verfolgen ein gemeinsames Ziel. Das wollte ich genauer wissen und habe deshalb Julia Ebner eingeladen, hier auf der Leipziger Buchmesse. Guten Tag, Frau Ebner.

Julia Ebner: Guten Tag.

Deutschlandfunk Kultur: Bevor wir darauf kommen, wieso Sie meinen, dass Rechtsextreme und Islamisten mehr gemein haben als denen vielleicht bewusst ist und vor allem als denen lieb sein dürfte, machen wir einen kleinen Schritt zurück. Sie, Frau Ebner, forschen am Londoner Institut für strategischen Dialog, am ISD. Zuvor waren Sie schon Analystin bei der Extremismusbekämpfungs-Organisation Quilliam. Und die ist von ehemaligen Dschihadisten gegründet worden. Da habe ich mich schon sehr gewundert: Ihre Chefs waren ehemalige Dschihadisten. Fanden Sie das nicht ein bisschen merkwürdig?

Julia Ebner: Ich war natürlich sehr gespannt darauf, ihre Geschichten zu hören. Sie waren aus unterschiedlichsten islamistischen Netzwerken. Einer meiner ehemaligen Bosse war in Verbindung mit Al-Qaida und mit Osama bin Laden. Ein anderer war aus einer anderen internationalen islamistischen Organisation, die sich Hizb ut-Tahrir nennt, er war da einer der führenden Anwerber. Das heißt, die hatten am Anfang viele erschreckende Geschichten zu berichten – aber auch viele sehr inspirierende Geschichten, weil sie alle trotz allem ausgestiegen sind aus diesen Netzwerken.

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