»Ohne Religion wären wir besser dran«


Bild: Leipziger Blatt
Am christlichen Karfreitag laden Atheisten zum Tanzen ein. Gespräch mit Philipp Möller

Interview: Gitta Düperthal | jW

Leipziger Atheisten machen am Karfreitag Party. Auch in anderen Städten heißt es: Schluss mit dem Tanzverbot! Ein weltanschaulich neutraler Staat darf seine Bürger nicht zur »Jesus starb für unsere Sünden«-Trauer verpflichten. Seit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 2016 gilt: Der Tanz am »stillen Freitag« muss Ausdruck einer klaren weltanschaulichen Abgrenzung gegenüber dem Christentum sein. Wie finden Sie das?

Ich halte das für einen guten Anfang, aber noch keine zufriedenstellende Lösung. Es kann nicht sein, dass wir uns in einem säkularen Staat gegen eine irrationale Weltanschauung richten müssen, nur um unser Recht wahrnehmen zu dürfen, Tanzen zu gehen. Das muss unabhängig davon möglich sein.

Sie sind Autor des Buches »Gottlos glücklich: Warum wir ohne Religion besser dran wären«. Bei der »Heidenspaß-Party« in Leipzig erklären Sie dies den Gästen.

Ohne Religion wären wir besser dran, weil wir uns dann von einer Ideologie freimachen, die darauf beruht, die Welt nicht verstehen zu wollen. Wir würden uns von Lobbyisten lossagen, die ihr Recht auf religiöses Pathos über das Selbstbestimmungsrecht der Individuen stellen. Das wäre ein zivilisatorischer Fortschritt. In Geschichte und Gegenwart beruhten und beruhen auch Kriege darauf, dass die einen sich als »die Guten« mit dem vermeintlich richtigen Gottglauben definieren und die anderen als »die Bösen« abqualifizieren. Freilich folgen Kriege territorialen und ökonomischen Interessen. Die Religion aber lässt sich als Brandbeschleuniger instrumentalisieren, um den Gegner zu enthumanisieren: Er glaubt nicht an den richtigen Gott, hat es deshalb nicht verdient, wie ein Mensch behandelt zu werden.

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