Mythos Sündenfall


Stephen Greenblatts Buch erinnert in Teilen an eine Kriminalgeschichte. (Siedler Verlag / picture-alliance / David Ebener)
Sie können der Verlockung nicht widerstehen und werden aus dem Paradies vertrieben: Stephen Greenblatt zeigt in seinem spannend und glänzend geschriebenem Buch, wie „Die Geschichte von Adam und Eva“ unsere Vorstellungen von Verantwortung, Verbrechen und Strafe formt.

Von Michael Opitz | Deutschlandfunk Kultur

Während Generationen von Gläubigen die Geschichte von Adam und Eva für wahr hielten und als glaubhafte Erzählung über den Ursprung der Menschheit ansahen, gab es stets auch Zweifler, die sie als reine Fiktion abtaten und belächelten. Trotz dieser ganz unterschiedlichen Ansichten steht für den 1943 in Boston geborenen Literaturwissenschaftler Stephen Greenblatt fest, dass die Erzählung über das aus dem Paradies vertriebene Menschenpaar unsere Vorstellungen vom Schicksal der Menschheit nachhaltig geprägt hat.

„Über Jahrhunderte hinweg hat diese Erzählung geformt, was wir über Verbrechen und Strafe denken, über moralische Verantwortung und Neugier, über Tod, Schmerzen und Leid, über Arbeit und Muße, über Gemeinschaft, Heirat, Geschlecht und Sexualität, über das uns gemeinsame Menschsein.“

Von Augustinus bis Charles Darwin

Zunächst analysiert Greenblatt akribisch die Ereignisse, von denen das erste Buch Genesis berichtet, und macht darauf aufmerksam, dass dem Erzähler sehr verschiedene Quellen zur Verfügung standen, aus denen er schließlich den einen Text formte, der in der Bibel nachzulesen ist. In den folgenden Kapiteln widmet er sich der Rezeptionsgeschichte. Gemeinsam ist hier allen Interpretationen, dass darin Adam und Evas Gebotsüberschreitung von zentraler Bedeutung ist. So leitet etwa Augustinus aus Adams Verfehlung, von einer verbotenen Frucht gekostet zu haben, die Erbsünde ab. Denn wenn es diesen Akt menschlichen Ungehorsams nicht gegeben hätte, dann wäre die von Gott geschaffene Welt – so Augustinus – gut geblieben.

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