Bibel und Koran


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Immer wieder stoße ich sowohl in den Printmedien als auch im Internet auf Artikel und Interviews, in welchen die Bibel dem Koran gegenübergestellt wird.

Von Giordano Brunello | Richard-Dawkins-Foundation

Bei diesen Texten respektive Interviews, die teilweise auch ganz spontan auf der Strasse mit Passanten durchgeführt werden, handelt es sich regelmäßig um eine moderne Form von Whataboutism, dessen Zweck darin besteht, dem Europäer aufzuzeigen, dass in der Bibel weitaus die bedenklicheren Gewaltpassagen respektive Inhalte vorzufinden sind als im Koran. Damit sollen einerseits problematisch erscheinende koranische Inhalte relativiert werden und andererseits soll der Islam vor vermeintlich unverhältnismäßiger Kritik respektive Vorurteilen geschützt werden. Um dies zu erreichen, hält man dem Menschen aus dem Westen gewissermaßen den Spiegel vor die Nase, indem man ihm aus „seiner“ Bibel zitiert, welche die meisten freilich nur ungenügend kennen, erst recht nicht solche grauenhaften Inhalte. Meistens müssen Leser oder Interviewpartner erraten, ob eine grauenvolle respektive Abscheu erregende Textstelle koranisch oder biblisch ist, wobei die haarsträubendsten meistens biblisch sind, was ein säkular lebender europäischer Normalbürger, der nicht so bibelfest ist wie eine Angela Merkel, nicht auf Anhieb erkennen kann und die Passage meistens fälschlicherweise dem Koran zuordnet. Genau das ist freilich die Absicht des Interviewers. Solche provozierten Fehler sollen bewirken, dass man als Europäer vermeintliche Vorurteile gegenüber dem Islam bei sich entdeckt, diese als solche anerkennt, Schuldgefühle bekommt und die vermeintlichen Vorurteile beseitigt. Das erzieherische Ziel solcher Artikel und Interviews soll damit die Erkenntnis sein, dass der Islam keineswegs schlechter ist als das im Westen wesentlich bekanntere Christentum und Judentum. Mehr noch: Aufgrund der zitierten Stellen soll stückweit sogar der Eindruck entstehen, dass das Gegenteil davon zutrifft.

Wer als Journalist oder Islam-Apologet solche Vergleiche aufstellt, mag sich vielleicht mehrfach hingesetzt haben, um den ganzen Koran von der ersten Seite an bis zum Schluss durchzulesen, um womöglich auch die entsprechenden Gewaltpassagen tatsächlich vorzufinden, die unstrittig vorhanden sind. Zum islamischen Kanon gehört allerdings nicht nur der Koran sondern vielmehr etwa auch die Hadithe (Sprüche und Taten des Propheten) sowie die Sira (fromme Prophetenbiographie). Deren komplette Nichtberücksichtigung macht solche Vergleiche von Vornherein untauglich, zumal sie einen wesentlichen Teil des orthodoxen Islam ausmachen. Gerne möchte ich dies nachfolgend etwas näher erläutern.

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