„Weil Journalismus nicht objektiv sein kann“


Grafik: TP
Perspective Daily-Mitgründerin Maren Urner über die Zwänge und Grundlagen der Berichterstattung

Marcus Klöckner | TELEPOLIS

„Im Gehirn gibt es kein Faktenzentrum“, sagt die Neurowissenschaftlerin Maren Urner. Tatsachen und Zusammenhänge können wir laut Urner nur „mit Gefühlen sinnvoll einordnen.“ Mit diesen Gedanken wirft die Mitgründerin von Perspective Daily eine zwar altbekannte, aber dennoch aktuelle Frage auf. Nämlich: Wie objektiv kann Journalismus eigentlich sein?

Urner hatte vor kurzem in einem Beitrag gesagt, objektiver Journalismus sei „eine Fata Morgana“ und zu behaupten, ein solcher Journalismus könne existieren, sei gar gefährdend für die Demokratie. Kurz darauf kritisierte ein langjähriger Chefredakteur und Herausgeber eines Standardwerks für Journalisten Urner mit der Bemerkung: Das Journalismus nicht radikal objektiv sein kann, sei „eine Binse“. Im Interview mit Telepolis verweist Urner auf ein grundlegendes Phänomen, wenn über Objektivität im Journalismus diskutiert wird. Einerseits würden hochrangige Medienvertreter den Rezipienten einen objektiven Journalismus versprechen, andererseits aber zugleich in Diskussionen relativieren. Urner vertritt die Auffassung: Von Objektivität im Journalismus solle allenfalls dann gesprochen werden, wenn es darum geht, zu erklären, „warum Journalismus nicht objektiv sein kann.“

Frau Urner, Sie haben vor kurzen einen Artikel zum Thema Objektivität im Journalismus veröffentlicht, der wohl einen Nerv getroffen hat. Der ehemalige Chefredakteur der Thüringer Allgemeinen hat sich in einem Artikel auf kress.de zu Wort gemeldet und mit einem kritischen Unterton angemerkt, es sei „bemerkenswert“, dass ein seriöses Magazin wie Perspective Daily den Journalismus „in toto negativ darstellt“. Was genau haben Sie denn kritisiert?

Maren Urner: Die Überzeugung, dass es einen objektiven Journalismus geben kann. Der wird auf der einen Seite von Journalisten, Chefredakteuren und in Rundfunkstaatsverträgen versprochen und auf der anderen Seite – auch wegen dieser Versprechen – von den Rezipienten eingefordert. Dann wird auf beiden Seiten viel darüber diskutiert, wie jemand „objektiv“ berichten und „Subjektivität“ vermieden werden kann. Diese Frage stellt sich aber gar nicht, weil objektiver Journalismus ein Mythos ist, eine Fata Morgana, die wir erkennen, wenn wir uns auf den Weg zu ihr machen. Das ist natürlich erstmal unangenehm, weil niemand gern seine eigenen Überzeugungen in Frage stellt.

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