„Seit Beginn der Moderne erleben wir eine Krise der Männlichkeit“


Maidan, 18. 2. 2014. Bild: Mstyslav Chernov/Unframe/CC BY-SA-3.0
Der indische Autor Pankaj Mishra über das Zeitalter des Zorns und die historische Ignoranz und Naivität

Emran Feroz | TELEPOLIS

Nichts von der Gewalt und Zerstörung, die wir momentan in aller Welt erleben, ist neu. Vielmehr trat sie bisher wiederholt in der Geschichte auf. Das ist die Meinung von Pankaj Mishra, dem indischen Autor, Denker und Zeitkritiker. Im vergangenen Jahr erregte er mit „Das Zeitalter des Zorns“ Aufsehen für seine mutige und wegweisende Analyse der Gegenwart.

Einer der Kernpunkte in Ihrem jüngsten Buch („Das Zeitalter des Zorns“) ist, dass viele Aspekte der heutigen Gewalt mit der Vehemenz verbunden sind, die sich im 19. Jahrhundert in Europa ereignete. Warum ist das so?
 

Pankaj Mishra: Ich denke, dass sich das Buch im Wesentlichen von den törichten Argumenten fern hält, die wir immer wieder gehört haben. Demnach seien soziale oder wirtschaftliche Probleme, religiöser Fundamentalismus oder Militanz alle mit der Kultur und Religion eines Landes verbunden. Das haben wir in so vielen Analysen aus Westeuropa und den Vereinigten Staaten gehört.

Ich versuche zu zeigen, dass Krisen wie die, welche wir heute erleben, Teil einer sehr langen Geschichte sind. Diese Probleme haben nur wenig mit Religion, Tradition oder Philosophie zu tun. Eher sind sie mit unseren politischen und ökonomischen Strukturen verbunden; ob Nationalstaat oder industrieller Kapitalismus.
Letzterer ist ein ausbeuterischer und zerstörerischer Prozess. Und wir konnten die Folgen dieser Institutionen und Ideologien in einem Land nach dem anderen beobachten. Ein „Zeitalter des Zorns“ hat in beinahe jedem Land begonnen. Daher müssen wir versuchen, unsere analytischen Bezugssysteme zu erweitern. Diese waren bisher unglaublich verengt und führten bei vielen gegenwärtigen Problemen zu sehr dummen und widersinnigen Schlussfolgerungen.

Sie sagen, dass der muslimische Fundamentalismus auf eine gewisse Weise Erbe früherer europäischer Revolten ist und dass viele dieser Fundamentalisten auf gegenwärtige Bedingungen antworten. Viele Europäer würden fragen, warum diese Extremisten mit „uns“ verbunden sind. Was würden Sie darauf entgegnen?

Pankaj Mishra: Ich würde ihnen antworten, dass ein Blick auf die eigene Geschichte vergleichbaren Fundamentalismus, Militanz und Terroristen offenbart. Diese Leute reagierten ähnlich auf Verlusterfahrungen, die Verweigerung von Rechten, Ungerechtigkeit, Besetzung und Imperialismus.
Wir können das in der Geschichte häufig beobachten. Europa sollte viele dieser jungen Leute, die sich für Gewalt entscheiden, als Teil einer längeren Tradition der Gewalt und Zergliederung in Europa begreifen. Stattdessen wird der Islam oder eine besondere Region der Welt dafür verantwortlich gemacht. Es ist falsch zu sagen, „die Leute kommen mit ihren Problemen zu uns“. Diese Probleme spielen eine zentrale Rolle für die moderne Welt – seit ihrem eigentlichen Beginn. Das ist der richtige Weg, diese Probleme zu verstehen.

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