Soziologe über Glauben: „Das Heilige gibt es keineswegs nur innerhalb der Religionen“


Ein christlicher Pilger umgibt sich zu Ostern 2018 mit dem Wasser des Jordan. Foto: afp
In moralischen und politischen Fragen stehen sich nicht Säkulare und Religiöse gegenüber, wie man gerne annimmt, sondern Universalisten und Partikularisten. Das beobachtet der Religionssoziologe Hans Joas. Forschung und Politik haben die Welt und den Glauben für ihn noch lange nicht entzaubert.

Von Joachim Frank | Berliner Zeitung

Herr Professor Joas, wer angenommen hätte, dass Religion in der modernes Gesellschaft ein aussterbendes Phänomen sei, muss zur Kenntnis nehmen, dass er sich getäuscht hat. Woran liegt das?

Das liegt zunächst einmal daran, dass die Vorstellung, Modernisierung führe quasi automatisch zur Säkularisierung, seit jeher falsch war. Das hat sich durch ein verbessertes Verständnis der Ursachen europäischer Säkularisierung und durch gegenwärtige Entwicklungen in der Welt außerhalb Europas immer deutlicher gezeigt. Spannender noch ist, ob die europäische Geschichte in dieser Hinsicht eine lange Vorgeschichte hat. Der Soziologe Max Weber hat für diese angebliche Vorgeschichte den Schlüsselbegriff der „Entzauberung“ geprägt.

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