Richtige Hilfe für Bedürftige: Die etwas andere Medizin


Behinderte werden oft falsch behandelt, weil es an Ärzten fehlt, die auf sie eingehen können. Das soll sich ändern.

Von Jakob Simmank | Frankfurter Allgemeine Zeitung

Jan Stuhr sitzt im Rollstuhl und lächelt. Mutter Waltraut lässt ihn Kakao trinken, in kleinen Schlucken aus einem Trinkkarton, damit der 33-Jährige sich nicht verschluckt. Seine Arme stehen unter Spannung, die Hände sind verdreht, und er drückt ziellos auf einem Smartphone herum. Bei seiner Geburt wirkte Jan Stuhr vollkommen gesund, aber schon innerhalb des ersten Jahres zeigte sich, dass er sich motorisch und geistig langsamer entwickelt als andere Kinder. Seinem X-Chromosom fehlt ein Stück, und er muss nicht nur zur Förderschule, sondern auch häufig zum Arzt.

An diesem Tag haben Jan und Waltraut Stuhr einen Termin am Sengelmann Institut für Medizin und Inklusion, einem ambulanten Zentrum für Menschen mit komplexen Behinderungen, das ans Alsterdorfer Krankenhaus in Hamburg angeschlossen ist. Zweimal im Jahr kommen sie seit 2015 zur Verlaufskontrolle, nehmen dafür die Stunde Autofahrt in Kauf. „Es ist ein großes Geschenk, dass es das SIMI gibt“, sagt Waltraut Stuhr. „Seit wir hierherkommen, geht es Jan viel besser.“

Die Studien sind rar

Rund 7,5 Millionen Menschen in Deutschland gelten nach den Angaben des Statistischen Bundesamtes als schwerbehindert. Der Großteil ist über 65 Jahre alt und hat eine körperliche Behinderung, dazu zählt Herzschwäche ebenso wie ein Hüftschaden. Etwa 1,5 Millionen Deutsche sind geistig eingeschränkt, darunter jene 300.000, deren Probleme wie bei Jan Stuhr eine genetische Ursache haben. Sie werden heute zwar besser versorgt, doch das Gesundheitswesen könnte sich noch deutlich mehr auf ihre speziellen Bedürfnisse einstellen. Wie das gehen soll und ob das hohe Kosten bedeutet, wären dann schon zwei der Hauptfragen.

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