Wir haben die natürliche Selektion besiegt. Nun schlägt sie als Bumerang zurück


Bis zu drei Millionen Eier legt ein Mondfischweibchen; nur zwei oder drei der Jungfische wachsen zur Fortpflanzungsreife heran. (Bild: Alamy)
Natürliche Selektion ist ein grausames Prozedere; nicht umsonst wird der Begriff «darwinistisch» oft negativ konnotiert. Dank Medizin und Fortschritt ist der Mensch überlebensfähiger geworden, doch das birgt neue Gefahren.

John Tooby | Neue Zürcher Zeitung

Die scheinbar einfachste Tatsache ist eigentlich die erstaunlichste: dass ich existiere. Nun ja, nicht nur ich, sondern alle Menschen, die wie ich früh gestorben wären, hätte es keine Technologie gegeben. Statt 5,5 Milliarden Menschen, die bis ins Erwachsenenalter überlebt haben, gäbe es wohl nur 1 Milliarde, wenn keine moderne Abwasser- und Abfallentsorgung, keine moderne Medizin, keine modernen Technologien und kein vom Markt angetriebener Wohlstand existierten.

Zu Zeiten unserer Vorfahren starb die überwältigende Mehrheit aller Menschen, bevor sie ihre Fruchtbarkeit voll ausgenutzt und genug Nachwuchs bekommen hatten. Viele ihrer Sprösslinge kamen nicht über das Kindesalter hinaus. Wer, wie wir, in der entwickelten Welt lebt, darf die Vorzüge dieser veränderten Sterbetafel als grössten menschlichen Triumph der Aufklärung geniessen, nun da Eltern von dem traurigen Schicksal erlöst sind, die Mehrzahl ihrer Kinder sterben zu sehen, und Kinder in der Regel nicht mehr den vorzeitigen Verlust ihrer Eltern erleben müssen.

Das Chaos lauert

Im Zentrum dieses Triumphs steht jedoch eine verborgene und unwillkommene Botschaft, die sich aus der Grausamkeit ergibt, mit der die natürliche Auslese die Fortpflanzung an die Beseitigung genetisch bedingter Krankheiten koppelt.

Als Erstes müssen wir uns daran erinnern, dass selbst unsere grundlegendsten Funktionen auf hochentwickelten organischen Prozessen beruhen – Prozesse, die von der Auslese in die Wege geleitet werden. Allein unsere Augen etwa – makroskopische Objekte – weisen 2 Millionen bewegliche Teile auf, und dennoch sind einzelne Stäbchenzellen so fein konstruiert, dass sie auf ein einziges Photon ansprechen können. Erfolgreiche Eltern jeder biologischen Art leben nahe den Gipfeln adaptiver Landschaften.

weiterlesen