Diagnosen psychischer Störungen steigen stark an


Grafik:TP
Der Streit um die Interpretation des Bilds bei Burn-Out, Depressionen, Angst- und Aufmerksamkeitsstörungen geht weiter

Stephan Schleim | TELEPOLIS

Es ist eine alte Diskussion: Nehmen psychische Störungen zu oder nicht? Muss die Gesellschaft darauf reagieren? Oder bekommt das Thema nun endlich die Aufmerksamkeit, die es verdient?

Führende Epidemiologen wie Hans-Ulrich Wittchen erheben Daten, denen zufolge rund 40% der EU-Bevölkerung jährlich mindestens eine psychische Störung haben (Beinahe jede(r) Zweite gilt als psychisch gestört). Dafür werden repräsentativ ausgewählte Menschen in Interviews zu psychischen Symptomen befragt, an die sie sich beispielsweise für das vergangene Jahr erinnern. In diesem Fall ging es um 2010.

In der genannten Studie wurden gerade einmal Daten zu 27 Störungen erhoben, während man mehrere hundert unterscheiden kann – etwa im amerikanischen DSM (Die „amtliche“ Fassung). Als dieselben Forscher einige Jahre später Befragungen im Rahmen der „Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland“ des Robert-Koch-Instituts nur für Deutschland durchführten, kamen sie allerdings nur noch auf 27,7% statt der vorherigen 38,2%.

Nun ist es aber weder so, dass die Deutschen psychisch gesehen so viel gesünder wären als der europäische Durchschnitt, noch dass die Häufigkeit der Störungen innerhalb weniger Jahre so stark abgenommen hätte. Die Unterschiede zeigen schlicht, dass die Ergebnisse davon abhängen, wie Forscher die Daten erheben und welche Störungen sie dabei im Blickfeld haben. Dabei können schon kleine Abweichungen in der Methodik große Veränderungen im Ergebnis verursachen. Wissenschaft bleibt Menschenwerk.

Ein Beispiel aus ferneren Zeiten: 1962 erschien die damals vieldiskutierte Midtown-Manhattan-Studie „Psychische Gesundheit in der Metropole“. Dass angeblich satte 81,5% der Bewohner Manhattans unter psychischen Problemen litten, wurde von vielen als Beleg dafür gesehen, dass das Leben in der Großstadt nicht gut für den Menschen ist. (Man muss an Georg Simmels berühmten Aufsatz über „Die Großstädte und das Geistesleben“ von 1903 denken.)

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