Was der älteste Friedensvertrag der Welt uns lehrt


Ältester erhaltener Friedensvertrag zwischen Ramses II. und Ḫattušili III., circa 1259 vor Christus; Staatliche Museen zu Berlin, Vorderasiatisches Museum, Foto: Olaf M. Teßmer
Heutige Friedenssymbole reichen bis in die Antike zurück – Trotz Kriegsverherrlichung waren Friedensbilder laut Archäologen gerade im Krieg weit verbreitet – Ältester Friedensvertrag belegt langjährige Verhandlungen statt triumphalem Sieg – Golden glänzende Eirene-Bronzestatue erstmals zu sehen – Internationale Friedens-Tagung des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ im Mai zeigt neue Forschungen – Ausstellung „Frieden. Von der Antike bis heute“ an fünf Orten in Münster
Viola van Melis Zentrum für Wissenschaftskommunikation
Exzellenzcluster „Religion und Politik“ an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster

Der älteste erhaltene Friedensvertrag der Welt widerlegt Archäologen zufolge die verbreitete Vorstellung, die Antike habe Frieden nicht durch Verhandlungen, sondern stets durch Demütigung der Verlierer herbeigeführt. „Ägypter und Hethiter sicherten sich in dem Vertrag vor mehr als 3.200 Jahren gegenseitig Unterstützung zu, keiner triumphierte. Dem müssen viele Aushandlungen vorangegangen sein, dies bezeugt eine umfangreiche Korrespondenz zwischen den Herrschern“, so Direktor Prof. Dr. Achim Lichtenberger und Kustos Dr. Helge Nieswandt vom Archäologischen Museum der Universität Münster. „Zwar dominiert in Friedensbildern der Antike der ‚Siegfrieden‘ gegenüber dem ‚Versöhnungsfrieden‘, doch unsere Forschungen zeigen, dass es auch letzteren gab.“ Das Museum präsentiert ab 28. April im Ausstellungsprojekt „Frieden. Von der Antike bis heute“ eine Kopie des ältesten Vertrags aus dem Berliner Pergamonmuseum (Abb. 1). Eine weitere Kopie hängt im Gebäude der Vereinten Nationen in New York.

Die Forscher des Museums und des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ räumen mit weiteren Klischees auf: Eine Vielzahl an Friedensbildern entstand nicht in Friedens-, sondern in Kriegszeiten, etwa die römische Friedensgöttin Pax auf unzähligen Münzen. „Trotz der Kriegsverherrlichung der Antike, die es ohne Zweifel gab und uns befremdet: Bilder vom Ideal des Friedens waren gerade im Krieg verbreitet“, so Nieswandt. Er zeigt die „Inflation des Friedens“ auf Münzen (Abb. 2) am 23. Mai auf der Tagung „FRIEDEN. Theorien, Bilder und Strategien von der Antike bis heute“ des Exzellenzclusters, die Teil des Ausstellungsprojektes ist.

Erstmals zeigt das Museum in der Ausstellung mit dem Untertitel „Eirene – Pax. Frieden in der Antike“ auch eine bronzefarbene Kopie der berühmten Friedens-Gottheit „Eirene“ des Bildhauers Kephisodot (Abb. 3). Sie symbolisiert, dass Frieden Wohlstand bringt. Prof. Lichtenberger: „Trotz Verherrlichung des Kriegs wusste die Antike immer, dass nicht Krieg, sondern Frieden zum Reichtum führt.“ Dieses Ideal verdeutlichen auch viele weitere der 160 antiken Ausstellungsexponate, etwa Abbildungen von Botenstab, Handschlag und Getreideähren (Abb. 4). „Sie zeigen, wie stark unsere heutigen abendländischen Friedenssymbole in antiken griechischen und römischen Bildern verankert sind und sich über Jahrhunderte wiederholten. Die antiken Abbildungen sind uns daher oft vertraut.“

Bronzefarbene Friedensgöttin und Tauben im Tier-Idyll

Sogar das heute bekannteste Friedenssymbol, die Taube, entstammt der Antike, so Lichtenberger. Die Herleitung sei aber nicht linear: „Die Taube an sich steht in der Antike nicht für Frieden. Sie war aber eng mit Aphrodite, der Göttin der Liebe, verbunden und taucht in Tier-Idyllen auf, in denen das friedliche Miteinander von Tieren den Frieden repräsentierte. So wurde die Taube als Friedenssymbol für Christen anschlussfähig.“ Wie weit die antiken Symbole in spätere Jahrhunderte hineinreichen, zeigt auch eine Friedensallegorie in antiker Tradition mit Füllhorn und Hermesstab aus dem Jahr 1659 des flämischen Malers Theodoor van Thulden. „Der Hermesstab verlieh nach antiker Vorstellung seinem Träger diplomatische Immunität“, so Nieswandt. „Dass die Göttin Pax ihn auf zahlreichen antiken Darstellungen trägt, unterstreicht erneut die Bedeutung des Verhandlungsfriedens auch für die Antike.“ (Abb. 5)

Zu den zahlreichen Münz-Darstellungen der Friedensgöttin „Pax“ (Abb. 2) führt Helge Nieswandt aus: Sie wurde besonders oft in kriegerischen Zeiten auf dem ersten Massenmedium der Menschheit, auf Münzen, gezeigt, weil Herrscher damit der Realität ein Ideal entgegensetzten. Der Forscher wird dies im Tagungsvortrag am 23. Mai an einem Beispiel der römischen Antike zeigen: „Als die Ordnung des römischen Reiches im 3. Jahrhundert nach Christus zerbrach, und sich meist kurzlebige Soldatenkaiser ablösten, kam es zur ‚Inflation des Friedens‘ auf Münzen.“ Die Forscher sehen dies als Beispiel von vielen dafür, dass die Menschen in allen Jahrhunderten Sehnsucht nach Frieden äußerten und bildlich darstellten, ihn auf Dauer aber nicht zu sichern vermochten. Dieser Leitgedanke prägt die Ausstellung „Frieden. Von der Antike bis heute“.

Zur bronzefarbenen Kopie der Eirene des Kephisodot erläutern die Wissenschaftler, dass es sich um eine Statue handelt, deren griechisches Original aus dem 4. Jahrhundert vor Christus nicht mehr erhalten ist, deren Popularität und Aussehen aber zahlreiche römische Kopien bezeugen. Die Friedensgöttin Eirene hält einen Ploutos-Knaben, Personifizierung des Reichtums, im Arm. Das Archäologische Museum hat die Kopie dieser mit 2,05 Metern überlebensgroßen Darstellung bei einem Restaurator in Auftrag gegeben und wird sie zur Ausstellungseröffnung am 28. April erstmals öffentlich zeigen. „Die golden glänzende Bronze ist nach unseren Untersuchungen nur eine Möglichkeit von mehreren farbigen Fassungen, sie ist aber in jedem Fall einleuchtender als das Weiß des Gipses. Die Münsteraner Rekonstruktion ist als Impuls zu verstehen, die Statue anders als bislang zu sehen.“ (sca/vvm)

Tagung „FRIEDEN. Theorien, Bilder und Strategien von der Antike bis heute“

International ausgewiesene Forscherinnen und Forscher widmen sich auf der öffentlichen Tagung des Exzellenzclusters vom 22. bis 25. Mai 2018 in Münster in 21 Vorträgen der Frage, warum Menschen zu allen Zeiten den Frieden wünschten, seine Bewahrung auf Dauer aber nie gelang. Anhand vieler historischer Beispiele der europäischen Geschichte befassen sie sich mit Strategien, Verhaltensmustern und Verfahren, mit denen sich Menschen von der Antike bis heute um Herstellung und Wahrung des Friedens bemühten. Sie richten das Augenmerk darauf, wie viele der Bilder, Rituale und Strategien zeitüberdauernd Geltungskraft behielten. Zugleich zeigen sie zeittypische Veränderungen und ihre Ursachen auf. Alle Vorträge finden im Auditorium des LWL-Museums für Kunst und Kultur, Domplatz 10, in Münster statt.

Zentrale Themen der Tagung stellt der Exzellenzcluster in den nächsten Wochen in Web und Medien multimedial vor. Die Tagung ist Teil der Ausstellung „Frieden. Von der Antike bis heute“, die die Themen in einer Vielzahl von Exponaten an fünf Orten in der Stadt des Westfälischen Friedens vom 28. April bis 2. September 2018 präsentiert. Aufgrund der langjährigen Untersuchungen am Exzellenzcluster zum Thema Frieden entstanden Idee und Grundkonzept des Ausstellungsprojekts. (asc/vvm)


Weitere Informationen:

https://www.uni-muenster.de/Religion-und-Politik/aktuelles/2018/apr/PM_Was_der_a…
https://www.uni-muenster.de/Religion-und-Politik/audioundvideo/video/frieden_ant…

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