Christliches Symbol als politische Dekoration – kulturelle Knetmasse


SZ-Zeichnung: Dieter Hanitzsch (Foto:)
Leser halten Söders Manöver für unredlich, erinnern an ein Urteil des Verfassungsgerichts von 1995 – und an Werte, für die das Kreuz steht

Süddeutsche Zeitung

Mit seiner Anordnung, die es für alle Behörden des Freistaates Bayern ab dem 1. Juni 2018 zur Pflicht macht, im Eingangsbereich der Dienstgebäude Kreuze anzubringen, setzt die bayerische Staatsregierung ihren verfassungspolitischen Kurs fort, den sie seit der bayerische Kruzifix-Debatte von 1995 verfolgt hat. Das bayerische Volksschulgesetz hatte damals in Paragraf 13 angeordnet: „In jedem Klassenzimmer ist ein Kreuz anzubringen.“ Gegen diese Anordnung hatte ein Erziehungsberechtigter durch alle Instanzen bis zum Bundesverfassungsgericht geklagt. Das Kruzifix-Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom August 1995 erklärte diesen Passus mehrheitlich für verfassungswidrig.

Führende CSU-Politiker und mit ihnen im Chor zahlreiche kleine christsoziale Mitstreiter machten damals keinen Hehl daraus: Es ginge nicht um die Botschaft Jesu Christi, nicht um christliche Glaubensinhalte als solche und schon gar nicht um Dogmen. Es ginge im christlich-abendländischen Bollwerk Bayern um eine spezifische Lebensart und deren folkloristische Ausstattung mit Dekorstücken christlich-abendländischer Kultur. Führende CSU-Politiker benutzten das Kruzifix als soziales Bindemittel. Das Kruzifix gehöre zu Bayern, so der damalige CSU-Ministerpräsident Edmund Stoiber, wie der Chiemsee und die Berge, wie der Maßkrug und der Maibaum. Die CSU sicherte sich mit dieser Glanznummer christlich-abendländischer Agitation erneut die absolute Mehrheit in Bayern.

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