Krise des Konservatismus?: „Ein echter Konservativer weiß, dass alles immer schlechter wird“


Andreas Rödder, Historiker und Professor für Neueste Geschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz Bild: Patricia Kühfuss
Der Historiker Andreas Rödder im Interview über Flüchtlingspolitik ohne Extreme, den Unterschied zwischen konservativ und reaktionär – und warum der Konservative eigentlich immer in der Krise ist.

Von Tatjana Heid | Frankfurter Allgemeine Zeitung

Herr Rödder, jammert der Konservative gerne?
Der Deutsche jammert gerne, der Konservative eigentlich nicht. Ein echter Konservativer weiß, dass alles immer schlechter wird, aber dass es früher auch nicht besser war.

Aber den Deutschen geht es ja gut: Wir haben endlich eine Regierung, eine niedrige Arbeitslosigkeit, auch die Kriminalität geht zurück. Warum geht die Politik auf das Krisengeschrei der AfD ein?
Wir erleben in Deutschland eine Wiederbelebung des Politischen in der Auseinandersetzung um die besten Lösungen. Da gibt es eine zunehmend kämpferische SPD, wie sich bei der Wahl von Frau Nahles zur Parteichefin gezeigt hat. Auf der anderen Seite wird der Ruf nach konservativen Positionen lauter, die in den vergangenen Jahren deutlich zurückgedrängt worden sind.

Was ist das überhaupt – konservativ?
Konservativ ist etwas anderes als traditionalistisch oder reaktionär. In Deutschland herrscht eine ziemliche Begriffsverwirrung. Der Konservative weiß, dass der allgemeine Wandel nicht zu verhindern ist. Er will diesen Wandel gestalten. Der Traditionalist wünscht, dass alles so bleibt, wie es ist. Und der Reaktionär möchte das Rad zurückdrehen.

weiterlesen