„David Ben Gurion wollte einen jüdischen Staat – um jeden Preis“


Historischer Moment. Am 14. Mai 1948 verkündete David Ben Gurion (Mitte) die Gründung des unabhängigen Staates Israel.Foto: AFP
Historiker Tom Segev über Israels Gründervater, die Vorbehalte des ersten Premiers gegenüber den Arabern und warum er die palästinensischen Tragödie in Kauf nahm.

Von Christian Böhme | DER TAGESSPIEGEL

Herr Segev, Sie haben sich als Biograf lange Zeit mit David Ben Gurion beschäftigt. Wie hat sich Ihr Bild von Israels Staatsgründer und ersten Ministerpräsidenten verändert?

Ben Gurion war über viele Jahre hinweg ein nationaler Mythos, eine Art Säulenheiliger. Er stand über aller Kritik. Ich versuche, ihn als Menschen zu zeigen, mit all seinen Stärken und Schwächen. Ben Gurion galt immer als emotionsloser Pragmatiker. Aber er hat sich sehr von seinen Gefühlen leiten lassen, kämpfte immer wieder mit schweren persönlichen Krisen. Und dem war er sich bewusst. Wenn man das weiß, ist auch besser zu verstehen, warum und wie er bestimmte Entscheidungen fällte.

Ben Gurion wird bis heute als Held des jüdischen Staats verehrt. Taugt er dazu?

Ja, schon. Er war eine faszinierende Figur und ist heute sogar besonders populär. Dafür gibt es einen einfachen Grund: David Ben Gurion war ein integrer Staatsmann – was ihn vom heutigen Premier Benjamin Netanjahu unterscheidet. Der ist zwar auch durchaus beliebt, gilt jedoch nicht unbedingt als ehrenhaft. Er hat ja mit einigen Korruptionsaffären zu kämpfen. Ben Gurion hat sich schon als Jugendlicher fest vorgenommen, das Schicksal des jüdischen Volks zu verändern. Das ist ihm gelungen.

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