Begriffsverwirrung „Achtsamkeit“


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Bereits in dem ersten Artikel zum Thema Achtsamkeit/Gewahrsein hatte ich geschrieben, dass diese Begriffe abgenutzt und esoterisch besetzt sind. Wovon ich hier gesprochen habe, ist das Gewahrsein, das sich in „Eiland“ von Aldous Huxley findet.
Man kann diese unterschiedliche Begriffsverwendung eigentlich gar nicht kritisieren, denn andere Menschen haben eben einen anderen Fokus und wollen von etwas anderem sprechen. Es stellt sich daher nicht die Frage, ob irgendwer einen ursprünglich anders verwendeten Begriff später umdefiniert hat, vielleicht nicht das darunter verstanden hat, was eigentlich einmal gemeint war.

Föderation des Determinismus

Unzweifelhaft ist die Denkweise der Achtsamkeit in verschiedenen östlichen Strömungen enthalten. Huxley zum Beispiel hatte engen Kontakt zu Krishnamurti – zu einem seiner Bücher verfasste Huxley sogar ein Vorwort, in dem es auch um Achtsamkeit ging. Das war 1948 und es scheint, dass Huxley den Begriff aus der Religion und Strömungen der östlichen Philosophie gelöst und für seine eigenen Zwecke verwendet hat.

Andere Aussagen, die mit dem Gewahrsein von Huxley nicht vereinbar sind, die ich hier nur beispielhaft herausgreife:

  1. Gewahrsein bedeutet bewusste Konzentration auf etwas.

Das ist in dieser Form nicht verständlich. Wenn ich am Computer sitze, konzentriere ich mich auch bewusst auf meine Arbeit. Es geht beim Gewahrsein aber um das wertungsfreie Wahrnehmen der direkten Umgebung und des eigenen Körpers mitsamt dem eigenen Befinden. Gerade diesen Aspekt blende ich aber aus, wenn ich mich auf meine Arbeit konzentriere. Selbst wenn ich vor einem Ölbild im Museum sitze und mich in ein Meisterwerk vertiefe, dieses aufmerksam betrachte, auch wenn ich dabei nicht analysiere, so ist dabei doch überhaupt nicht enthalten, wie es mir dabei geht, wie die Stimmung im Raum ist und so weiter. Diese Form der Konzentration und des bewussten Wahrnehmens mag ein Thema für sich sein: Es geht dort aber nicht um die Realität des Hier und Jetzt.

  1. In der Musik kannst Du ganz aufgehen. Das ist Gewahrsein, die Musik vollständig zu erfassen, vielleicht sogar dazu zu tanzen und eins zu werden mit der Musik.

Wenn man ein Musikinstrument spielt, ist das etwas ganz selbstverständliches. Man muss den Emotionalen Ausdruck der Musik selbst fühlen, um ihn im Spielen ausdrücken zu können. Das ist kein rationaler Prozess, sondern in der Musik spiegelt sich die Emotionalität. Jede Rationale Überlegung wird dabei ausgeblendet (wenn man über die Stufe hinaus ist, an der Technik zu feilen), man fühlt sich eins mit der Musik. Sicherlich ist die Musik auch im Hier und Jetzt existent. Auch das ist aber etwas ganz anderes, als Gewahrsein in „Eiland“. Ich kann 45 min. Geige spielen und merke dann erst später, dass mir eigentlich die Finger schmerzen und das meiner Wirbelsäule die Haltung nicht gut getan hat. Das Versenken in die Musik hat durchaus einen innerlich erfüllenden Wert, in der man sich emotional erden kann und auch die Emotionen schon durch die Auswahl des Musikstücks steuern kann – wenn man denn nicht total unmusikalisch ist oder es quasi „angelernt“ hat, die emotionalen Wendungen von Musik auszublenden. Selbst wenn der Musikgenuss bewusst erfolgt, dies ist eher etwas derealisierendes und führt dazu, dass Aspekte des Hier und Jetzt ausgeblendet werden. Musik kann sogar der Flucht aus der Realität dienen. Aufgrund der Smartphoneapps ist es aktuell wieder modern geworden, mit Kopfhörern herum zu laufen und dabei Musik zu hören: Die Selbstwahrnehmung und die gesamte Szenerie, in der man sich bewegt, wird damit in eine andere Empfindungsrealität getunkt – was sicherlich auch der Sinne der Sache sein mag.

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