Die Türkei fühlt sich missverstanden


Die Aussichten für die türkische Wirtschaft – im Bild das Istanbuler Bankenviertel – haben sich eingetrübt. (Bild: Kostas Tsironis / Bloomberg)
Der türkische Staat wirbt um das Vertrauen von ausländischen Direktinvestoren. Gleichzeitig wird die Rechtsstaatlichkeit immer öfter mit Füssen getreten. Das passt schlecht zusammen.

Thomas Fuster | Neue Zürcher Zeitung

Necmettin Kaymaz ist nicht zu beneiden. Seine offizielle Rolle ist jene des Berufsoptimisten. Als oberster Projektdirektor der staatlichen Agentur für Investitionsförderung (Ispat) soll er dafür sorgen, dass möglichst viele ausländische Unternehmen ihr Glück in der Türkei suchen. Kaymaz hat daher als Hintergrundbild für sein Twitter-Konto den bronzenen Bullen nahe der New Yorker Börse gewählt. Wie keine andere Skulptur symbolisiert der kraftstrotzende Stier ökonomische Zuversicht. Und diese Einstellung braucht es wohl, um den Negativschlagzeilen zur Türkei zu trotzen und frisches Kapital ins Land zu locken.

Problem der Wahrnehmung?

Kaymaz erfüllt seine Aufgabe routiniert. In einem fensterlosen Konferenzraum eines Istanbuler Hotels spult er die Präsentation «Warum in der Türkei investieren?» im Eilzugstempo ab. Die wichtigsten Zahlen – in ähnlicher Umgebung wohl hundertfach vorgetragen – kennt der Beamte auswendig: Die Türkei ist die dreizehntgrösste Wirtschaft; das Wachstum lag zwischen 2003 und 2017 bei durchschnittlich 5,7%; das Land verfügt über einen 80 Mio. Einwohner zählenden Binnenmarkt, wobei die Hälfte der Bevölkerung jünger als 30 Jahre ist; weitere Trümpfe sind die rasch wachsende Mittel­schicht, die strategisch wichtige Lage an der Nahtstelle zwischen Europa und Asien, die geringe Staatsverschuldung und das tiefe Haushaltdefizit. «Gibt es noch Fragen?», sagt Kaymaz.

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