„Ein säkularer Staat kann religiöse Normen nicht verbindlich machen“


Ein Kreuz an der Wand im Landgericht im bayerischen Traunstein (dpa)
Ja zum Kreuz in der Behörde, Nein zum Kopftuch in der Schule? Der Staat habe gegenüber Religionen neutral zu sein, sagt der Staatsrechtler Hans Markus Heimann. Doch es ergeben sich neue Fragen, da das religiöse Feld heterogener geworden sei.

Moderation: Susanne Führer | Deutschlandfunk Kultur

Deutschlandfunk Kultur: Heute geht es in Tacheles um Gott und nicht die Welt, aber um Gott und den Staat, also immerhin um die halbe Welt, könnte man sagen. Ich bin ja als religionsferner Mensch zunehmend verwirrt durch die Debatte um Kreuz, Kopftuch, Kippa und Co. Daher habe ich einen Menschen eingeladen, der mich aus dieser Verwirrung befreien möge, nämlich den Juristen Hans Markus Heimann. Er ist Professor für öffentliches Recht und Staatstheorie an der Hochschule der Bundesrepublik Deutschland für öffentliche Verwaltung. – Herzlich willkommen, Herr Heimann.

Hans Markus Heimann: Guten Tag.

Deutschlandfunk Kultur: Offenbar gilt ja, wenn man die jetzige Situation betrachtet: Je mehr die Menschen sich in Deutschland von der Religion entfernen, das werden ja jedes Jahr immer mehr, desto lauter wird die Diskussion über das Verhältnis von Religion und Staat. – Warum, Herr Heimann, meinen Sie, ist das so?

Hans Markus Heimann: Na ja, wir haben einfach neue Fragestellungen, die wir vor zwanzig, fünfundzwanzig Jahren in dieser Form nicht hatten. Es gibt nicht mehr eine weitgehend homogene Religionszugehörigkeit, wo die Hälfte vielleicht katholisch und die andere Hälfte vielleicht evangelisch ist, wie das in der alten Bundesrepublik sicherlich so bis in die 80er Jahre noch der Fall war, sondern wir haben mit der Wiedervereinigung eben einen ganz signifikanten Anteil an religionslosen oder zumindest keiner Religion angehörigen Menschen in den neuen Bundesländern hinzu bekommen. Knapp achtzig Prozent in den neuen Bundesländern gehören keiner Religionsgemeinschaft an. Und es wird natürlich deutlicher, dass eben auch neue Religionen in Deutschland aufgetreten sind, die sich auch stärker bemerkbar machen, insbesondere natürlich Muslime, der Islam also.

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