Philosoph: „Jede Form von Leitkultur ist der falsche Weg“


foto: heribert corn http://www.corn.at „Es ist interessant, dass für viele die Religion kein praktizierter Glaube mehr ist, sie in ihr trotzdem eine wichtige Dimension ihrer Identität sehen“, sagt Charles Taylor. Der vielfach preisgekrönte Philosoph forscht zu Religion und Säkularität.

Die Ablehnung des Islam und des Kopftuches widerspricht dem Geist westlicher Verfassungen, sagt der Kanadier Charles Taylor.

Interview Miguel de la Riva | derStandard.at

Ob Religion und Säkularismus, Multikulturalismus oder der Krieg gegen den Terror: Charles Taylor gräbt sich in jedes noch so heikle gesellschaftliche Streitthema. Der 1931 in Montreal geborene Theoretiker gilt als einer der wichtigsten Philosophen der Gegenwart. Seit 2009 ist er Gastforscher in Wien.

STANDARD: „Gott ist tot“, sagte einst Nietzsche. Wie er erwarteten viele Philosophen, Theologen und Soziologen, dass die Religion in modernen Gesellschaften über kurz oder lang verschwinden würde. Leben wir heute in einer säkularen Gesellschaft?

Charles Taylor: Es war ein Irrtum, dass es eine zwangsläufige Entwicklung weg von der Religion gibt. Religion ist nach wie vor Teil unserer westlichen Gesellschaften. Zwar gibt es regionale Unterschiede. So sind im Gebiet der ehemaligen DDR nur wenige Menschen gläubig. In den USA etwa sind es aber nach wie vor sehr viele. Säkularisierung besteht insoweit nicht darin, dass Religion verschwindet. Säkularisierung hat vielmehr mit zunehmendem weltanschaulichem Pluralismus zu tun.

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